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»Our idols today are economic conquest, unending 'growth' built on turning all life into 'resources' for human consumption.« (Paul Kingsnorth, 2025)
»Beschleunigung und Steigerung werden zur Normalität. Solange wir aus dieser Logik nicht heraustreten, sind alle Versuche, die durch Steigerungen entstandenen Probleme zu lösen, nur kosmetisch.« (Maja Göpel, 2022)
»Population will inevitably and completely outstrip whatever small increases in food supplies we make. The death rate will increase until at least 100-200 million people per year will be starving to death during the next ten years.« (Paul Ehrlich, 1970)
Wie Kingsnorth, Göpel und Ehrlich blickt auch Deutschland in die Zukunft. Wir fürchten uns, sehen vor allem Risiken und wollen möglichst viel Schlimmes verhindern. Fortschritt scheint philosophisch diskreditiert und nicht einmal mehr utopisch. Tatsächlich ist es umgekehrt: Die gegenwärtige Verhinderungshaltung ist moralisch verwerflich; Fortschritt dagegen ist möglich, wertvoll und erstrebenswert.
Wieso hat man den Fortschritt verworfen? Dahinter steckt eher eine Vielzahl von kulturellen Verschiebungen als ein schlagendes Argument. Da kommen zuerst hegelsche Geschichtsphilosophie und Whig-Geschichtsschreibung in den Sinn, also der Glaube, es müsse alles immer besser werden, ganz automatisch. Einen solchen Automatismus gibt es offensichtlich nicht. Doch trifft diese Kritik auch einen Fortschrittsbegriff nicht, der auf kontingente Fortschritte baut, also davon ausgeht: Fortschritt muss erarbeitet und erkämpft werden.
Marius Drozdzewski
13.05.2026
Fortschritt scheint zudem deshalb diskreditiert, weil technische Entwicklungen ihre Probleme mit sich bringen, vermeintlich technischer Fortschritt auch Rückschritt sein kann.
Diese Haltung hat sich nach zwei Weltkriegen und der Atombombe durchgesetzt. Was für die industrielle Revolution galt, gilt für die digitale und KI-Revolution umso mehr. Wer dieser Tage eine Zeitung aufschlägt, kann sich die Probleme und Sorgen seitenweise aufzählen lassen.
Technologie, Wachstum und Märkte haben auch Leid verursacht, das muss man ehrlich anerkennen. Deshalb jedoch gleich das System zu verwerfen, dem wir die meisten Verbesserungen verdanken, wäre die falsche Reaktion auf die Geschichte. Die größten Schäden erzeugte ohnehin die staatliche Hand, durch staatlich-sanktionierte Gewalt und verordneten Terror. Und doch trifft die Wut der Anti-Fortschritt-Bewegungen weniger den Staat als Wissenschaft, Märkte und Liberalismus.
Kein bloßes Problembewusstsein setzte sich seit den siebziger Jahren durch – das hatten schon die Aufklärer –, sondern die Vorstellung, der Mensch selbst sei mit seiner Nutzung natürlicher Ressourcen die Ursünde der Moderne. Doch die Geschichte zeigt: Vom Smog in den frühen Industriestädten, über die Krankheiten der großen Städte bis zu den tödlichen Unfällen der ersten Flugzeuge – wir können diese neuen Probleme lösen; oft mit neuer Technologie, manchmal mit sinnvoller Regulierung, immer mit menschlicher Kreativität und Kooperation.
Wenn uns die Probleme immer gleich davon abhalten, Technologien zu entwickeln und zu erproben, gehen uns ungezählte Vorteile verloren. Auch solche, die das Leben der Menschen verbessern, verschönern, verlängern und manchmal sogar retten können.
Schärfer formuliert: Wer nur die Risiken betrachtet, aber nicht die potenziellen Chancen – wer nur verhindert, aber nicht erkundet und ermöglicht – der verhindert auch Heilung, Rettung, Wohlstand für jene, die sie dringend brauchen. Vergeht sich also an all den Milliarden Menschen, deren Leben noch so viel besser sein könnte – an uns allen. Nicht nur technische Entwicklungen und Wachstum verursachen Probleme und Leid, sondern mindestens ebenso deren Verhinderung.
Die großen Einwände gegen den Fortschritt lassen sich somit ausräumen, wenn man technische, moralische und institutionelle Entwicklungen konzeptionell vom Fortschritt trennt. Nicht mehr jede Entwicklung ist dann Fortschritt; wohlverstanden bedeutet Fortschritt: eine Entwicklung, die den Menschen immer mehr Raum und Möglichkeiten gibt, ihre Werte zu leben.
Eine großartige Geschichte solcher Entwicklungen lässt sich leicht schreiben. Wer hier mitliest kennt die Liste der Errungenschaften, wie sie Johan Norberg, Steven Pinker und Hans Rosling festgehalten haben. Die Zahl der Hungertoten ist rapide gesunken, Flüsse und Meere werden sauberer, Wachstum und CO2-Ausstoß sind entkoppelt. Weniger Gewalt, mehr Rechte für Frauen und Minderheiten. Daneben noch unzählige weitere Innovationen, die unser Leben jedes Jahr besser und gesünder machen, man denke nur an Gentechnik gegen Taubheit und Impfen gegen Krebs.
Selbst manche Entwicklungen der Zukunft können wir heute schon erahnen. Diese Entwicklungen könnten Fortschritte auf allen Ebenen sein: Technisch, institutionell, moralisch. Etwa bei der KI, wo schon die aktuellen Modelle, von Claude Opus 4.7 bis GPT 5.5, die Macht in unseren Gesellschaften rapide umverteilen. Wie oft haben Liberale davor gewarnt, dass die Einzelne, der Kleinunternehmer, das Startup im Regulierungsdschungel gegen Großkonzerne keine Chance haben. Wie oft kommen der Staat und große Unternehmen durch mit kleinen und größeren Schikanen, weil sich der Rechtsweg für jede und jeden Einzelnen nicht lohnen würde.
All diese Probleme sind Vergangenheit, oder könnten es in kürzester Zeit sein. Schon heute vertreten sich in den USA immer mehr Menschen vor Gericht selbst. Allein das ändert das gesellschaftliche Machtgleichgewicht grundlegend. Institutionell verschiebt sich die Macht zugunsten der Freiheit, und moralisch wächst die Autonomie derer, die bisher höheren Mächten ausgeliefert waren. Technisch ist das ein riesiger Sprung: All das Spezialwissen, das bislang Eliten vorbehalten war – die teuren Anwälte und Spezialisten –, die neuesten Modelle machen es in kürzester Zeit allen zugänglich.
Viel wurde also schon erreicht, noch viel mehr ist in Entwicklung. Das ist jedoch nicht die Endstation, Utopia ist nicht erreicht. Wir stehen noch ganz am Anfang einer unvorstellbaren Entwicklung. Zumindest, wenn wir uns klug anstellen, eine Kultur der Innovation und des Fortschritts wiederbeleben und Vertrauen fassen in die menschliche Fähigkeit, in freier Kooperation eine Menge Probleme zu lösen.
Was uns daran bisher hindert: mit all der Vorsicht, den Bedenken und der teils unberechtigten Kritik haben wir den Fortschritt aus dem Blick verloren. Das ging nicht nur Deutschland so. Doch in UK und USA hat sich eine Bewegung gefunden, die Abhilfe schaffen will: das progress movement. In den unterschiedlichsten Varianten werden die Möglichkeiten von Fortschritt erdacht, entwickelt und politisch ermöglicht. Während die einen an einer Kultur und Philosophie des Fortschritts arbeiten, entwickeln andere historisch informierte Ansätze, wie Fortschritt konkret aussehen könnte. Gleichzeitig buchstabieren Konservative, Liberale und Sozialdemokraten aus, was fortschrittsfreundliche Politik im Detail bedeutet. Damit lassen sich sogar Wahlen gewinnen.
Die anglophone Fortschrittsbewegung zeigt, dass neue Möglichkeiten nicht nur im Abstrakten, in der fernen Zukunft liegen. Stattdessen wurzeln viele Probleme unserer Gegenwart in selbstverschuldetem Mangel begründet: Zu wenig Wohnungen, genau dort, wo Menschen wohnen wollen, zu wenig saubere Energie, zu wenig Medikamente für tödliche Krankheiten, zu wenig Wege, über den Globus zu reisen. In vielen Fällen müssen wir Hürden aus dem Weg räumen, die unsere Gesellschaften selbst geschaffen haben.
Wichtiger Teil der Fortschrittsbewegung sind deshalb das Abundance Movement und die YIMBYs, die Yes-In-My-Backyard-Aktivisten, die statt Besitzstandswahrung wieder Dynamik in unsere Städte bringen wollen. Immer mit Blick darauf, dass Fortschritt das ist, was das Leben der Menschen besser macht. Auch das ist die Stärke der Fortschrittsbewegung. Sie kann die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen wieder vereinen in einem gemeinsamen Kampf für die menschlichen Möglichkeiten, at the frontier of knowledge, of abundance, of progress.
Die größte Chance bietet die Fortschrittsbewegung jedoch für Liberale. Denn das freiheitliche Versprechen hat die letzten Jahrzehnte an Strahlkraft verloren. Doch immer dann, wenn Liberale sich ihrer Fortschrittsbegeisterung erinnerten, konnten sie auch ihrem Freiheitsdrang wieder einen Glanz verleihen.
Die liberale Tradition kann ihren Teil zur Fortschrittsbewegung beitragen. Ein Menschenbild etwa: aufklärerisch, neugierig nach vorne gerichtet, auf Kooperation und Gutes zielend. Auch Institutionen wie Märkte, Wissenschaft, freier Diskurs. Die Kombination aus allgemeinen Regeln, die Menschen sich geben, und Freiräumen für Denken und Probieren. Oder das Erfolgskonzept von spontaner Ordnung und Preissignalen in der Verteilung knapper Ressourcen. Dazu gehört auch das liberale Ziel, das Leben aller Menschen immer freier und besser zu machen. Denn Fortschritt bedeutet eben nicht Technokratie, Zentralstaat, Mechanisierung und Gleichförmigkeit. Moralischer, institutioneller und technischer Fortschritt blühen gerade da auf, wo Menschen in Freiheit und auf die unterschiedlichsten Weisen zusammenleben.
Wie beleben wir also unsere erstarrte Gesellschaft ganz in liberaler, aufklärerischer Manier wieder als Ort des Aufbruchs, der Freiheit, des Fortschritts? Wie geben wir denjenigen Freiräume zum Experimentieren, Forschen, Ausprobieren und Erneuern, die im Augenblick entweder verzweifeln oder auswandern wollen?
Das geht nur durch einen Kulturwandel; dieser Kampf muss zuerst in der Kultur geführt werden, bei den Ideen. Die guten und nützlichen Teile des geistesgeschichtlichen Erbes unserer Welt – Märkte, Wissenschaft, die Einsichten der Aufklärung – müssen wir retten aus der Verdammung der letzten Jahrzehnte. Sie müssen ihren Weg wieder in Museen und Filme finden, in Schulen und Universitäten.
Noch sind wir nicht da, noch entschuldigen sich alle: Viel zu viel Umbruch, Veränderung, Anpassung. Viel zu schnell alles. Das ist Quatsch. Es geht nicht zu schnell, es geht noch viel zu langsam. Vor uns liegen unglaubliche Fortschritte, milliardenfach mehr Möglichkeiten für alle: Gesundheit, Wohlstand, Wissen. Aber nur, wenn wir uns trauen.
Marius Drozdzewski ist Mitgründer von ævum und Head of Strategy & Communication bei Prometheus, einem liberalen Think Tank in Berlin.
Er hat Philosophie und Mathematik studiert und bereitet gerade seine Promotion zur Liberalismuskritik gegenwärtiger Anti-Liberaler vor.