Wessen Freiheit?

Dass ein Riss durch die deutsche Liberale-Szene geht, registrierte ich zum ersten Mal Mitte der 2010-Jahre. Liberale Debatten wurden damals auf Facebook geführt, hier suchte man Gleichgesinnte, Resonanz, aber auch den inhaltlichen Streit.

Wie groß die Unterschiede wurden, erkannte man besonders in zwei Momenten: 2014 mit der russischen Annexion der Krim und 2015 mit der sogenannten Flüchtlingskrise. Plötzlich stritten Menschen fundamental miteinander, die sich zuvor selbstverständlich dem gemeinsamen liberalen Spektrum zugerechnet hatten. Gegenstand des Streites waren nicht mehr Steuersätze, sondern Landesgrenzen, Solidarität und Feindbestimmung. Wer gehört zu uns? Wem schulden wir Verantwortung?

Exemplarisch dafür steht die Hayek-Gesellschaft. Ihre inneren Spannungen wurden im Jahr 2015 öffentlich ausgetragen. Es ging um die Frage nach dem Liberalismus selbst. Auch als Außenstehender bekam ich mit, dass gerade das Thema Zuwanderung einen tiefen Riss durch die Reihen zog. Ein Vertreter der Gesellschaft hielt bei den Students for Libertyeinen Vortrag über Deutschland. Seine Ausführungen zur Schuldentragfähigkeit, zu impliziten und expliziten Staatsschulden hatten den liberalen Mainstream noch weitestgehend hinter sich. Als es jedoch um Demografie und Zuwanderung ging, änderte sich der Ton. Stark migrationsskeptisch wurden etwa staatliche Eingriffe in die Geburtenraten ins Spiel gebracht, um Überfremdung zu verhindern.

Salvatore Genovese

18.03.2026

Hat Quinn Slobodian dieses Phänomen mit Hayek's Bastards also richtig eingeordnet? Wenn ein Begriff zündet, wie es Slobodian mit seinen Buchtiteln oft schafft, muss man sich immer fragen: Liegt es an der Präzision oder an Überspitzung?

So oder so benennt Slobodian etwas, das viele Liberale aus eigener Anschauung kennen: Im ehemals eigenen Lager haben sich Positionen verfestigt, die mit liberaler Ordnung nur noch lose verbunden sind. Dabei erfasst Slobodian reale Phänomene wie die Attraktivität von Exit-Logiken im Sinne von Isolation, die Faszination für private Ordnungen, und die Skepsis gegenüber pluralistischen Gesellschaften. Zugleich muss man bei Slobodian konstatieren: Er begegnet freiheitlichen Ideen leider häufig mit der Unterstellung böswilliger Absichten.

Die Frage ist: Sollte man diejenigen, die nach rechts aus dem liberalen Spektrum herausfallen, Hayek's Bastards nennen? Tatsächlich berufen sich die Protagonisten, die Slobodian meint, weniger auf Hayek denn auf Mises. Und auch von diesem stammen die meisten problematischen Tendenzen nicht. Slobodian erkennt also richtig, dass es extremes politisches Verhalten gibt. Primär Hayeks Erbe ist es jedoch nicht. Vieles von dem, was heute als „rechtslibertär" firmiert, speist sich aus einer rothbardianischen Freiheitsvorstellung. Freiheit als Rückzug, als Sezession, als Homogenität. Hayeks Freiheitsbegriff war ein anderer. Freiheit als Ergebnis evolutionär gewachsener Ordnungen. Angewiesen auf Institutionen und Regeln wie auf Versuch und Irrtum. Ein Fehler wäre, Freiheit in offenen Ordnungen mit Freiheit von Ordnung zu verwechseln.

Wo verläuft also die Grenze, was müssen sich Liberale zurechnen lassen und was nicht? Liberalismus schützt Individuen, nicht kulturelle Mehr- oder Minderheiten. Gruppenrechte gibt es nur insoweit, wie sie individuelle Freiheit sichern. Freiheit ist abstrakt und allgemein, nicht identitär gebunden. Märkte benötigen offene Zugänge, keine vorpolitischen Ausschlüsse. Staatliche Ordnung dient der Begrenzung von Macht, nicht der Durchsetzung kultureller Homogenität.

Liberale Freiheit ist holistisch und unteilbar. Wer wirtschaftliche Freiheit einfordert, aber gesellschaftspolitisch auf Autoritarismus setzt, betreibt keine konsequente liberale Politik. Wer Freiheit nur dort verteidigt, wo sie den eigenen Präferenzen nützt, betreibt keine Freiheitslehre. Er betreibt Interessenpolitik mit liberalem Vokabular. Das zeigt sich exemplarisch bei der Einwanderung. Regelwerke zur Steuerung von Migration sind eine Sache. Eine generelle Ablehnung von Zuwanderung ist etwas anderes. Letztere widerspricht dem Prinzip individueller Freiheit grundlegend. Der Geburtsort ist Zufall, nicht Verdienst. Wer Freiheit selektiv denkt – hier ja, dort nein – instrumentalisiert sie.

Einzelne Strömungen haben sich dabei deutlich von klassisch-liberalen Prinzipien entfernt. Die Kombination aus wirtschaftsliberalen Argumenten und sozialkonservativen bis reaktionären gesellschaftspolitischen Positionen findet sich besonders bei paläolibertären Positionen. Man kann solche Positionen weiterhin „rechtslibertär" nennen. Fraglich bleibt jedoch, ob sie dem liberalen und libertären Kerngedanken der individuellen Freiheit noch hinreichend entsprechen. Ein Liberalismus, der ökonomische Offenheit fordert, aber gesellschaftliche Abschottung legitimiert, ist bestenfalls ein halber Liberalismus.

Die Diagnose ist nüchtern: Das Lager derer, die sich liberal nennen, ist spannungsgeladen. Aber nicht entlang wirtschaftspolitischer Linien, denn in Fragen von Markt, Wettbewerb und Staatsbegrenzung herrscht relativer Konsens. Die eigentlichen Brüche verlaufen gesellschaftspolitisch: bei Einwanderung, Frauenrechten, kultureller Identität. Diese Positionen werden oft von einer Minderheit besonders lautstark vertreten, die sich als Speerspitze der Freiheit inszeniert. Sie ist es aber nicht.

Salvatore Genovese arbeitet als Referent für die Ludwig-Erhard-Stiftung. Er ist Mitglied der FDP und kommunalpolitisch in seinem Heimatlandkreis aktiv.