Die Zweischneidigkeit des Prometheus

Es ist eine kurze Rede, die Peter Thiel 2016 beim Parteitag der Republikaner hält. Kurz nach Beginn erlaubt er sich einen beiläufigen Witz über Hillary Clinton, nur um dann vom Jubel des Publikums unterbrochen zu werden. Thiel lächelt kurz, ein wenig verlegen, als sei es ihm noch unangenehm, auf diese Weise Applaus einzusammeln.

Dann liest er, leicht ungeduldig, seine Lebensgeschichte vom Teleprompter ab, verwoben mit jener Erzählung, die er seit Jahren in der Tech-Szene des Silicon Valley propagiert: die Geschichte vom Niedergang der amerikanischen Innovationsfähigkeit, verdichtet in einem Satz über Twitter: „Wir wollten fliegende Autos, stattdessen bekamen wir 140 Zeichen.” Um diese Erzählung für ein Trump-Publikum anschlussfähig zu machen, ersetzt Thiel das fliegende Auto durch eine amerikanische Marslandung und die 140 Zeichen durch einen weiteren Seitenhieb auf Clintons außenpolitische Inkompetenz. Es folgt eine bewusste Pause, um dem Publikum Raum zum Lachen zu geben. Er grinst zufrieden, scheint sich sicher zu sein, jetzt den richtigen Umgang gefunden zu haben.

Es ist die Geschichte einer Annäherung zwischen Zweien, die sich nicht ganz geheuer waren: Peter Thiel, dem führenden Kopf eines Silicon Valleys, welches bis dato fast durchgehend global und sozialliberal gedacht hatte, und der MAGA-Bewegung, die Amerikas Engagement in der Welt reduzieren und große Teile der inneren Liberalisierungsschritte der letzten Jahrzehnte zurückdrehen will.

Tobias Wirtz

11.02.2026

2016 war Thiel noch allein mit seinen Ideen, viele einflussreiche Investoren und Gründer waren auf Clintons Seite oder blieben neutral. Bei der zweiten Wahl Trumps hatte sich jedoch schon ein loses Netzwerk um Figuren wie Marc Andreessen, David Sacks, und natürlich Elon Musk gebildet, das unter dem Begriff „Tech Right“ firmiert.

Die Klammer, die die beiden Gruppen in der praktischen Politik bindet, ist die Skepsis gegenüber tiefgreifender Regulierung der Wirtschaft. Schon 2018 zeigte der Politikwissenschaftler David Broockman in einer Studie, dass die politischen Präferenzen der Tech-Elite grundsätzlich der demokratischen Partei in Redistribution, globaler Perspektive und Sozialliberalismus ähneln, jedoch bei der Frage der Regulierung drastisch von ihr abweichen.

Während der Biden-Jahre wurde vor allem die Politik Lina Khans als Vorsitzende der US-Wettbewerbsbehörde FTC zum Katalysator für die Entfremdung einiger Venture-Capital-Investoren von den Demokraten. Venture-Capital-Fonds haben meist einen Investitionshorizont von etwa acht bis zehn Jahren. Historisch gesehen gab es immer zwei Möglichkeiten, mit schnell wachsenden Startups Liquidität zu generieren: einen Börsengang oder ein Kauf durch ein anderes Unternehmen. Unter der Führung Khans wurde die FTC zunehmend restriktiver bei der Zulassung von Käufen wegen kartellrechtlicher Bedenken. Für Investoren bedeutete dies ein höheres Risiko: Ihre Investments könnten länger illiquide bleiben als gedacht. Darüber hinaus war die zunächst auf Sicherheit ausgelegte KI-Strategie der Biden-Regierung ebenfalls Einigen ein Dorn im Auge. Die Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz haben grob gesagt zwei Lager gebildet, das der Bedenkenträger und das derer, denen es nicht schnell genug gehen kann.

Sowohl die Sorge vor Überregulierung als auch vor strengerer Auslegung des Kartellrechts eint, dass sie sich mit den Ergebnissen von ökonomischen Erfolgen auseinandersetzen. Tausende von Startups wurden in den letzten Jahrzehnten in den USA verkauft; es gibt mächtige KI-Modelle, bei denen sich die Frage nach der Sicherheit stellt. Diese Erfolge haben vielfältige Gründe, dabei sind jedoch drei besonders wichtig: Die Agglomerationseffekte echter Kaderschmieden wie Stanford oder Harvard; der große, einheitliche amerikanische Dienstleistungsmarkt, der genügend kaufkräftige Kunden für eine schnelle Skalierung bietet; und der tief entwickelte Kapitalmarkt, der dieses Wachstum finanzieren kann.

Der Ärger über neue Regulierung allein erklärt aber nicht, warum die Tech Right in den Vereinigten Staaten so stark wurde. Auch unter den Demokraten gab es solche, die die restriktive Regulierungspolitik kritisch sahen und nun unter dem Label „Abundance“ stärker wahrgenommen werden. Oft wird Elon Musks Übernahme von Twitter für dieses Phänomen verantwortlich gemacht, aber auch das ist zu einfach.

Jeder werdende Programmierer erlebt dieses neue Gefühl der Macht, wenn mit dem Code, den man selbst geschrieben hat, auf einmal die Arbeit vieler Stunden nur noch Millisekunden dauert. Software zu bauen ist für viele ein Beweis dafür, dass die Welt sich verändern lässt, dass es dafür nur Zugang zu einem Computer braucht. Oft wird von „Agency“ gesprochen, einem schönen englischen Wort, welches sich leider nur mit den etwas bürokratischen Begriffen „Handlungsmacht“ oder „Handlungsfähigkeit“ ins Deutsche übersetzen lässt. Agency hat gewisse Überschneidungen mit liberalen Konzeptionen des Menschen. Hayeks Idee der spontanen Ordnung, die auf der Handlung von Individuen basiert, ist eine klare Parallele.

Natürlich sind auch dieser Handlungsmacht Grenzen gesetzt, jedoch kollidiert diese Geisteshaltung fundamental mit dem Eindruck, den die linke amerikanische Mitte zu oft erzeugt: Dass der einzelne die Welt nicht verändern kann liegt, polemisch formuliert, entweder modern an den Milliardären, postmodern am institutionellen Rassismus, oder profan am System. Dieses Gebaren schreckt Menschen mit Agency ab. Es ist kein Zufall, dass das zentrale Projekt der Tech Right im ersten Jahr der Trump-Administration ausgerechnet DOGE war: die Apotheose eines Ikonoklasmus, der sich gegen die Symbole einer als einschränkend empfundenen Moralphilosophie richtete, „Diversity, Equity, and Inclusion“ ebenso wie die Entwicklungshilfe, vollzogen von hochintelligenten, gerade volljährig gewordenen Softwareentwicklern.

Vor dem Fall kommt bekanntlich der Hochmut und so ist auch DOGE gescheitert. Das große Ziel, die Ausgaben der amerikanischen Bundesregierung durch das Streichen von verschwenderischen Ausgaben Betrug und Missbrauch um eine Billion Euro zu reduzieren, wurde drastisch verfehlt; die Staatsausgaben sind sogar gestiegen. Menschen weltweit werden die Kürzungen der Entwicklungshilfe mit dem Tod bezahlen müssen. Es ist ein Bärendienst, den DOGE all jenen erwiesen hat, die an die Verbesserung der Welt durch die Handlung Einzelner glauben. Ebenfalls findet sich hier ein entscheidender Unterschied zur Lehre Hayeks: Agency, die allein von oben nach unten wirkt, ist stets mit einem Wissensproblem konfrontiert. Reform wird dadurch nicht unmöglich, aber die Demut gegenüber gewachsenen Systemen und deren Wissen muss Teil einer jeglichen Reformagenda sein.

Und in Europa? Gemessen an den irren Wendungen und dem persönlichen Drama zwischen Trump und Musk ist die europäische Tech-Landschaft nicht sonderlich interessant für politische Analysen. Gemeinhin wird dies darauf zurückgeführt, dass es in Europa keine großen Aggregatoren wie Meta oder Google, die Macht ausüben. Vielleicht sei die Branche auch generell noch zu klein. Doch in den letzten Jahren hat sich die zunächst etwas dozile europäische Tech-Community organisiert und klare Forderungen formuliert.

Anders als in den Vereinigten Staaten und entgegen mancher hiesiger Meinung hat Europa noch keinen einheitlichen Binnenmarkt. Für europäische Tech-Unternehmen ist es manchmal sogar einfacher, zuerst in die USA zu expandieren als in ein anderes europäisches Land. Wenn man in den USA eine Finanzierungsrunde machen möchte, dann kann man standardisierte Verträge aus dem Internet herunterladen und digital unterzeichnen, da fast alle Unternehmen eine Delaware C-Corp Struktur wählen. In Europa hat jedes Land verschiedene Unternehmensformen, sodass es keinen Standardvertrag für Investitionen gibt. In Deutschland muss jede Finanzierungsrunde auch noch notariell bestätigt werden, was mit hohen Kosten und Aufwand verbunden ist.

Im Gegensatz zu den USA geht die Branche aber nicht auf vollen Konfrontationskurs mit dem System, sondern versucht den Schulterschluss. Eine Kampagne unter der Führung Andreas Klingers, eines österreichischen Investors, versucht mit EU-INC eine einheitliche europäische Rechtsform zu schaffen, die diesen und andere Prozesse erleichtern soll. Was vielen Unterstützern aber anzumerken ist, ist dieselbe Rastlosigkeit, dieselbe Intensität, die auch die Tech Right lebt, auch wenn sie hierzulande bisweilen positiv eingesetzt wird. Einerseits ist es offensichtlich: Wer noch keinen großen, einheitlichen Markt mit minimalen, allgemeingültigen Regeln hat, wie ihn auch Hayek gerne hatte, der setzt sich zuerst für einen solchen ein. Womöglich ist dies allein schon ein Projekt für das nächste Jahrzehnt.

Doch langfristig stellt sich die Frage, wohin diese rastlose Energie fließt. Was passiert, wenn EU-INC nicht wie von der Branche gefordert, eine Verordnung wird, sondern bloß eine Richtlinie, die keinen standardisierenden Effekt hätte? Schließlich folgt dieser Versuch, die Zukunft innerhalb des Systems zu bestimmen, den ersten politischen Schritten der amerikanischen Tech-Branche. Gegen eine Radikalisierung spricht, dass sich die Ausgangslage und Ziele der Europäer von denen der amerikanischen Tech Right unterscheiden: Das Problem ist die fehlende Vereinheitlichung auf europäischer Ebene. Darüber hinaus ist die Tech-Branche in Europa, anders als in den Vereinigten Staaten, kein kultureller Taktgeber, welcher politischen Unternehmern Zugang zu neuen Wählerschichten verschafft. Strukturell könnte also eher eine Veränderung der Taktik des großen Wurfs hin zu einer Taktik kleinerer Optimierungen stattfinden.

Paradoxerweise ist es also wahrscheinlicher, dass wir Phänomene wie die Tech Right in Europa erst dann erleben, wenn ein starker Binnenmarkt tatsächlich geschaffen ist und die daraus entstehende Handlungsmacht wieder begrenzt werden soll. Nicht der Mangel an Agency radikalisiert, sondern ihre Einhegung nach einer Phase des Erfolgs.

Tobias Wirtz ist Senior Product Manager bei Personio. Zuvor war er Mitgründer eines Software-Startups und sammelte Erfahrungen im Venture-Capital-Umfeld. Er studierte Management & Technology mit Fokus auf Informatik und Finanzen an der TU München. Die Positionen des Autors sind nicht seinem Arbeitgeber zuzurechnen.