(post)liberale zeiten
„Only through a repair of time can we move toward a repair of the nation.”
Carlotta Voß
25.02.2026
Modernes Bewusstsein ist historisches Bewusstsein: Es kommt nicht dahinter zurück, die Gegenwart als Ergebnis historischer Prozesse, so wie die Geschichte als einen zeitlichen Prozess zu wissen, dessen Ausgang offen ist. Zeitbegriffe und Geschichtsphilosophie prägen die Sprache der Politik und sind Gegenstand ihrer reflexiven Verarbeitung in der modernen Politischen Theorie. Auch der „Postliberalismus“ lässt sich als geschichts- und zeitpolitisches Programm beschreiben – und versteht sich auf der Ebene der theoretischen Reflexion selbst ausdrücklich als solches, wie die eingangs zitierte Forderung zeigt: Sie stammt aus Regime Change: Towards a Postliberal Future, dem jüngsten Buch von Patrick J. Deneen, der sich in den vergangenen Jahren den zweifelhaften Ruf des postliberalen Vordenkers erarbeitet hat.
Bemerkenswerterweise blendet die liberale Auseinandersetzung mit ihrer ideologischen Herausforderung durch den Postliberalismus dessen geschichts- und zeitpolitische Dimension dennoch weitgehend aus. Es lohnt sich, diesen Umstand aufzuklären: Vielleicht liegt darin ein Mittel gegen die analytische wie politische Hilflosigkeit der Liberalen gegenüber dem neuen Gegner.
Zunächst ist freilich eine begriffliche Vorbemerkung vonnöten. Denn „Postliberalismus“ ist ein Mode- und Propagandabegriff und verlangt als solcher besondere Sorgfalt in der Verwendung. Er begegnet gegenwärtig, erstens, als Selbstbezeichnung einer untereinander und in die Regierungskreise Trump und Orban hinein gut vernetzten Gruppe von vornehmlich katholischen oder zum Katholizismus konvertierten Intellektuellen, die seit über einer Dekade auf gemeinsamen Publikations- und Vernetzungsplattformen die ideellen Grundlagen für eine Überwindung „des Liberalismus“ zu legen versuchen. Neben Patrick J. Deneen gehören zu jenem Kreise etwa Adrian Vermeule, Gladden Pappin, Rod Dreher, Chad Pecknold, Philipp Pilkington, Ed Feser, oder Edmund Waldstein. Sie werden im Folgenden „die Postliberalen“ genannt.
Zweitens begegnet uns der „Postliberalismus“ zunehmend im Sinne einer Zeitdiagnostik. Er bringt dann die These einer weltanschaulichen Wende in der transatlantischen Welt auf den Begriff, die sich in der Normalisierung (und elektoralen Belohnung) von programmatischen (ergo: nicht mehr bloß provokativ-populistischen) Überschreitungen eines liberalen Konsenses beobachten lässt. Worin genau diese Überschreitungen bestehen bzw. welche Überschreitung konkret als ausschlaggebend für die Diagnose eines weltanschaulichen Paradigmenwandels gewertet wird – beispielsweise die Absage an ein multilaterales Paradigma in der Außen-, Sicherheits- und Handelspolitik; die Absage an Prinzipien der Gewaltenteilung sowie an das staatliche Neutralitätsgebot; die Verletzung von Diskursregeln der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wie sie eine deliberative Kultur voraussetzt –, ist ebenso abhängig von der Sprecherposition wie die Bewertung dieser Überschreitungen. Auch im links-liberalen Spektrum tun sich dabei Differenzen auf: Bei manchen linken Autoren lässt sich derzeit der Versuch beobachten, den dezidiert reaktionären Anti-Liberalismus solchermaßen diagnostisch zu überholen, dass die Überwindung des Liberalismus postuliert und ein „postliberales“ Programm von links eingefordert wird (das bislang freilich der Ausarbeitung harrt).
Der These eines bereits vollzogenen postliberalen Paradigmenwandels wird hier nicht gefolgt: Liberalism has not failed yet, um frei nach Deneen demselben zu widersprechen. Wohl aber lässt sich festhalten, dass der politische Liberalismus als weltanschauliches Projekt massiv herausgefordert wird, und dass die Strukturmerkmale dieser Herausforderung (Programmatik, Trägergruppen…) sich so signifikant von jenen unterscheiden, die mit den drei historischen Gegenspielern des Liberalismus verbunden werden – „Konservatismus“, „Sozialismus“, „Faschismus“ –, dass ein neuer Begriff – „Postliberalismus“ – erkenntnisfördernd scheint.
Der Fristcharakter von Frauenkörpern
Die Postliberalen behaupten das Scheitern des Liberalismus als politisches Projekt auf der Grundlage von vor allem zwei Beobachtungen: Die liberalen Gesellschaften der transatlantischen Welt seien erstens bis zur Bürgerkriegsschwelle polarisiert und folglich hochgradig instabil; sie würden zweitens unglückliche, einsame und orientierungslose Subjekte hervorbringen. Diese Entwicklung hat in der postliberalen Analyse wiederum einen ideellen Grund (auf dem politikökonomischen Auge bleibt man geflissentlich blind): eben den „-ismus“ des Liberalismus. Denn den Postliberalen zufolge zeichnet ihn beides zugleich aus: Eine Fortschrittsideologie, die politische Programme und Lebensentwürfe nach ihrer „Progressivität“ beurteilt und in der Konsequenz nicht nur die Weisheit der Tradition leichtfertig preisgibt, sondern auch ein manichäisches Weltbild fördert; andererseits eine strukturelle Blindheit (und einen praktischen Relativismus) gegenüber der Frage nach dem guten Leben.
Die erste Kritik adressiert den liberalen Begriff historischer Zeit – gegenüber diesem empfiehlt etwa Deneen im eingangs zitierten Kapitel von „Regime Change“ eine „integrale“ Perspektive auf historische Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „verwoben“ sind. Die zweite Kritik adressiert die Abwesenheit eines Begriffs gelebter und erfahrener Zeit schon auf der Ebene des liberalen Theoriedesigns: Die notorische Kritik der Postliberalen am „atomistischen“ Subjekt liberaler Theorie ist auch eine Kritik an deren „leerem“, prozeduralen Begriff von Zeit. Er verstelle den Blick sowohl auf die Orientierungsbedürftigkeit des sterblichen Menschen als auch auf den unausweichlichen Fristcharakter des verkörperten Lebens überhaupt – den die Postliberalen fetischhaft mit Blick auf die zeitlich begrenzte Fruchtbarkeit von Frauenkörpern thematisieren: Die postmenopausale, unfreiwillig-kinderlose „cat lady“ (Vance) ist im postliberalen Diskurs das Lieblingsbeispiel für die vermeintliche Grausamkeit der liberalen Ideologie.
In vielen Texten der Postliberalen wird die solchermaßen theoretisch formulierte Kritik zum einen in zeitpolitische Policy-Vorschläge übersetzt, zum Beispiel in Form der Forderung nach der Errichtung von öffentlichen Orten zum Zweck der Kontemplation und Erfahrung des Erhabenen. Zugleich wird das behauptete Desiderat einer Politischen Philosophie, die (wieder) zur Frage eines guten Lebens spricht, performativ adressiert. Postliberale Texte formulieren im Ausgang von Gegenwartskritik und Analyse gerne Verhaltens- und Tugendlehren: Sie sprechen (mehr oder weniger autoritativ) zu der Frage, wie ein Leben geführt werden sollte, um ein gelingendes Leben zu werden.
Die entsprechenden Verhaltens- und Tugendlehren nehmen den Menschen als sich seiner Endlichkeit bewusstes Leibkörperwesen in den Blick. Es sind wesentlich Techniken des Umgangs mit gestundeter Zeit: Sie umfassen zum Beispiel die Kultivierung von (theologisch verstandener) „Hoffnung“ oder der „Erinnerung“ bzw. Traditionspflege; sie umfassen die konkrete Handlungsaufforderung, frühstmöglich eine Familie zu gründen, als Frau die Karriere der Kinderaufzucht in der Lebensplanung zeitlich nachzuordnen, jede Woche für das Gemeinwesen zu beten und so weiter.
Auch andere postliberale Akteure profilieren sich wesentlich über Lebensberatung in diesem Sinne: Meinungsunternehmer wie der ermordete Charlie Kirk und seine Ehefrau Erika Kirk, wie Ben Shapiro oder Candace Owens haben eine enorme publizistische Reichweite und erheblichen politischen Einfluss damit gewonnen, „traditionelle“ Lebensgestaltung als Antidot zur zeitgleich postulierten und dem Liberalismus angelasteten Pandemie des Unglücklichseins anzuempfehlen. Auch J. D. Vance wählt in der politischen Kommunikation, besonders in der gezielten Ansprache junger Männer, immer wieder ein solches Register.
Apokalyptische Horizonte
Nun ist aus der konservativen Tradition sowohl die Kritik an einer allzu übermütigen Geschichtsphilosophie des Fortschritts wohlbekannt als auch der Versuch, die Frage nach dem Lebenswandel des Einzelnen erstens zur zentralen politischen und politiktheoretischen Frage zu erheben und zweitens im Sinne traditionalistischer Wertevorstellungen zu beantworten.
Es zeichnet den Postliberalismus gegenüber dem Konservatismus aber aus, dass er auf der Ebene der historischen Zeit eine starke Apokalyptik entwickelt – und diese Apokalyptik transformiert die genannten „konservativen“ Elemente des Postliberalismus in einem dezidiert anti-liberalen Sinne (der Konservatismus wird von mir nicht als Anti-Liberalismus, sondern als retardierende Reaktion auf den Liberalismus verstanden).
Die postliberale Apokalyptik hat sich zunächst jenseits der akademischen Texte der Postliberalen artikuliert (unter anderem im US-amerikanischen evangelikalen Milieu), wird inzwischen aber dort aufgegriffen und theologisch raffiniert. Sie perspektiviert die Gegenwart nicht von einer offenen Zukunft her (oder, wie in Teilen der konservativen Tradition, einem zyklisch imaginierten Geschichtsverlauf), sondern im Blick auf einen endzeitlichen Horizont, dessen Nahen nicht erwartet, sondern befürchtet wird. Zur zentralen politischen Aufgabe wird damit das Aufhalten bzw. Hinauszögern der Apokalypse (und die theologische Figur des „Aufhalters“ bzw. „Katechon“ feiert im postliberalen Diskurs denn auch eine Renaissance).
Die ideologische Konsequenz dieser Apokalyptik ist nun eine dreifache: Erstens gerät die Politik der Ordnungs- und Gegenwartserhaltung in den Bann höchster Dringlichkeit. Zweitens erscheint die traditionelle bzw. gottgefällige Lebensführung nicht mehr nur als Sache persönlicher Erfüllung und der Stabilisierung des Gemeinwesens, sondern auch als Praktik des heilsgeschichtlichen Aufhaltens. Drittens leistet die Apokalyptik gerade jenem antagonistischen Denken Vorschub, dass der Postliberalismus als zentrale Gefahr der liberalen „Fortschrittsideologie“ erkennen will. Denn die Figur des Aufhalters verweist auf den Gegenspieler des Antichristen, mit dem im postliberalen Diskurs gern der Liberalismus bzw. liberale Eliten und Institutionen identifiziert werden.
Liberale Reichtümer
Die Betrachtung des Postliberalismus als Zeit- und Geschichtsprogramm erklärt zum Teil seinen politischen Erfolg. Denn gerade als solches hat er dort Orientierungskraft, wo sie dem Liberalismus zuletzt abhanden gekommen ist. Zur Erinnerung: Das liberale Paradigma hat seine Plausibilität für lange Zeit aus der Realität eines vor allem ökonomischen, aber auch politischen Fortschritts gezogen: Im Rückblick erschien vielen Menschen der transatlantischen Welt ihre Gegenwart lange graduell besser als die Vergangenheit (und außerdem besser als im Rest-der-Welt). In der Gegenwart des Heute aber stehen die Staaten der transatlantischen Welt nach Kennzahlen wie Wirtschaftswachstum und sozialer Mobilität messbar schlechter dar als in jüngerer Vergangenheit – besser wiederum aber ausgerechnet solche Weltregionen, die politische Konkurrenzmodelle zur liberalen Demokratie pflegen. Die Zeit US-amerikanischer und europäischer Hegemonie scheint abzulaufen. Für viele Jahre geschah der geopolitische und geoökonomische Strukturwandel auf der Hinterbühne der transatlantischen Welt – inzwischen macht er sich dort alltagsweltlich bemerkbar.
Für das sich ausbreitende Bewusstsein der Krise hat der Liberalismus bislang keine Sprache gefunden; noch weniger hat er ein politisches Programm zur Gestaltung der Krise im Angebot. Das gesellschaftliche Fortschritts- und Befreiungsversprechen, das ihn einmal auszeichnete, hat sich weitgehend zu individualisierten Leistungsimperativen wie „Persönlichkeitsentwicklung“ oder „Longevity“ pervertiert, mit denen „Zukunft“ einerseits zum Distinktionsmerkmal und andererseits zur verlängerten Gegenwart wird.
Ein Grund für diese Sprach- und Zukunftslosigkeit des Liberalismus der Gegenwart liegt zweifellos in seiner politik-ökonomischen Blindheit bzw. in seinem Widerwillen, sich über seine historischen Selbstwidersprüche aufzuklären, die darin begründet liegen, dass seine humanistisch-idealistische Programmatik oft als Deckmantel eines Wirtschaftsliberalismus diente, der die Verwirklichung jener Programmatik mehr behindert als gefördert hat. Ein weiterer Grund aber, der wiederum mit dem ersten in einem kausalen Zusammenhang stehen mag, könnte in der sukzessiven Verengung des liberalen Zeit- und Geschichtsdiskurses liegen – die übrigens auch die analytische Impotenz des Liberalismus gegenüber dem Anthropozän bedingt.
Diese Verengung aber ist hausgemacht. Denn entgegen dem Zerrbild, dass der Postliberalismus von ihm zeichnen will, ist der Liberalismus kein monolithischer „-ismus“: Die Tradition des liberalen Denkens ist breit, tief und vielstimmig – weil der Imperativ der Reflexion ihr programmatischer Kern ist. Sie umfasst ein entwickeltes Bewusstsein sowohl für die Gefahr eines Umschlags von Fortschrittsorientierter Geschichtsphilosophie in eine Fortschrittsideologie als auch für die blinden Flecken eines prozeduralistischen, „leeren“ Begriffs von Zeit. Mehr noch: Sie umfasst Versuche, erlebte Zeit und die narrative Dimension personalen Lebens in der politiktheoretischen und ethischen Reflexion zu greifen und diese Reflexion appellativ zum Klingen zu bringen – man lese nach bei Paul Ricoeur, Hannah Arendt, Charles Taylor, Judith Shklar, Martha Nussbaum, um nur einige zu nennen. Sie umfasst Fristbegriffe und Konzepte einer durch „Erinnerung“ und kairotische Zukünfte gekerbten Gegenwart – man denke an den Prophetischen Pragmatismus von Cornel West oder an die Neue Politische Theologie von Johann Baptist Metz.
Anders formuliert: Die liberale Tradition hält allerlei (und gerade auch theologische!) Quellen der Revitalisierung des politischen Liberalismus bereit. Bei den postliberalen Texten hingegen lässt sich schon jetzt beobachten, dass sie in ihrem realpolitischen Willen zur Macht in Dogmatik und Polemik erstarren. Ihre größte Gefahr liegt insofern vielleicht darin, dass wir ihrem Zerrbild des „Liberalismus“ zu schnell Glauben schenken.
Dr. Carlotta Voß ist Postdoc-Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover und Redakteurin des Online-Magazins Politik&Ökonomie.
Ihre Forschung kreist um Fragen der Demokratietheorie, der Philosophischen Anthropologie, der Tugendethik und der Politischen Theologie.
Zu ihren Veröffentlichungen gehören: »Ironie und Urteil. Ironische Historiographie und die Entdeckung des Politischen bei Thukydides«, Vandenhoeck & Ruprecht 2024, und »The Riddle of the Great-Souled eiron. Virtue, Deception and Democracy in the Nicomachean Ethics«, Elenchos 44/2 (2023).