kampf um die freiheit
Die Schlacht um Begriffe und ihre Bedeutung wird jeden Tag geführt – online, vor Ort und in akademischen Debatten. Wir Liberale aber verschlafen sie oft, viel zu gutmütig freuen wir uns über jeden, der uns und den eigenen Vordenkern ein wenig Aufmerksamkeit schenkt. Klar, beim Lesen dieser Beschäftigungen ärgern wir uns dann über Ungenauigkeiten – hinter denen aber sicher keine Absicht steckt.
Quinn Slobodian zitiert Mises so entstellend, dass dieser als Rassist erscheint, obwohl er in seiner Passage das Gegenteil sagt? Amlinger/Nachtwey nennen Menschen libertär, die selbst gar keine ausgeprägten politik-theoretischen Ansichten haben, und verbinden das dann auch noch mit „autoritär“? Alles leicht aufzuklären, wenn wir nur noch etwas mehr Ideengeschichte betreiben. Und außerdem sind wir selbst ja liberal, nicht libertär.
Wir müssen aus diesem Schlummer der Gutmütigen aufwachen, wenn wir in den nächsten Jahren nicht völlig zwischen links und rechts zerrieben werden wollen. Statt hinzunehmen, dass sich jeder dahergelaufene Rechte libertär nennt und linke Soziologen und Historiker eben das zum Kern unserer Sache erklären, müssen wir um die Begriffe kämpfen, die für uns wichtig sind.
Nur weil sich jemand libertär nennt, – etwa, um sich nicht rechtsextrem nennen zu müssen –, heißt das nicht, dass wir das akzeptieren brauchen. Das gilt auch für jene, die vielleicht mal freiheitliche Überzeugungen hatten, bei denen sie aber längst in den Hintergrund gerückt, auf Ausnahmen beschränkt oder ganz verschwunden sind. Wer Begriffe unwidersprochen nutzen kann, steht irgendwann für sie.
Marius Drozdzewski
28.01.2026
Und wer sagt, „libertär“ ist mir nicht wichtig: Das gilt auch für Begriffe mit strategischer Bedeutung. Schließlich wird in der öffentlichen Debatte jeder grundlegende, liberale Vorschlag gerne libertär genannt.
Zudem ist es nicht nur der Begriff „libertär“, der von rechten Übernahmeversuchen bedroht wird. Diejenigen, die etwa das neue Milei-Institut aufbauen und aus dem alten AfD-Umfeld kommen, nennen sich neben libertär eben auch liberal.
Neben all diesen Deutungsschlachten dürfen wir jedoch nicht vergessen: In der politischen Theorie wird nicht nur um strategische Fragen gestritten, sondern eben auch auf die Wahrheit, auf eine tatsächlich bessere Welt, gezielt. Deshalb müssen wir gleichzeitig sehr besorgt sein, selbst eine kritische Betrachtung der Probleme und gefährlichen Auswüchse jenes vermeintlich „autoritären Libertarismus“ vorzunehmen, die es womöglich geben könnte und teilweise offensichtlich gibt. Nicht einfach akzeptieren, was solche, die liberalen Ideen keine Zukunft gönnen, behaupten, sondern selbst schauen, was eine intellektuell wohlwollende Lesart liberaler Autorinnen ergibt.
Auch in einer wohlwollenden Geschichte des Liberalismus oder Libertarismus müssen dabei Schandflecken auftauchen. Diesen müssen wir uns stellen und fragen, welche Elemente unseres Denkens dahin führen (ideologisch) oder Menschen dieses Schlages anziehen (soziologisch). Für die Ideen des Libertarismus haben John Tomasi und Matt Zwolinski vorgemacht, wie ein solch kritisches Unterfangen aussehen könnte.
Auch in der Frage der richtigen Begriffe müssen wir selbst die Bücher zur Hand nehmen, selbst die rechte Lektüre kritisch in den Blick nehmen. Selbst abwägen, ob Peter Thiel nun wirklich libertär genannt werden sollte; ob Frauke Petry nicht einfach eine mehr oder weniger rechte, mehr oder weniger marktwirtschaftliche, mehr oder weniger Konservative ist. Diese Abwägungen selbst zu treffen, das ist zentral für das Fortbestehen liberaler Ideen, denn wenn wir es nicht tun, werden diese Ideen, die uns am Herzen liegen, in einigen Jahren nur noch als die überkommenen Vorläufer von rechtsextremen Vorstellungen wahrgenommen. Schon aus unserer tiefen Ablehnung neurechter Überzeugungen heraus müssen wir das zu verhindern versuchen.
Ein Einwand folgt dem Ausschluss bestimmter Ansichten aus der liberalen Familie auf den Fuß: Wer Wandel in der Gesellschaft bewirken will, braucht Verbündete, kann sich eine Ausschließeritis also nicht erlauben. Und das stimmt. Aber richtig ist eben auch: Wir können nur solche Verbündete gebrauchen, die uns nicht an entscheidender Stelle in den Rücken fallen. In der Abwägung zwischen einem Big-Tent-Liberalismus, der alle miteinbeziehen will, und dem Kampf um Begriffe, ist das zentral.
Über welche Unterschiede man hinwegsehen kann und welche Unterschiede unüberbrückbare Gräben darstellen sollten, hängt dabei davon ab, was die zentralen Fragen der Zeit sind. Akzeptiert man die Analyse von Steve Davies, so ist etwa individualistischer Kosmopolitismus versus starre nationale Identitäten die zentrale Abwägung. Kosmopolitische Liberale können dann eben keine Allianz eingehen mit jenen, die auf der Seite von Nation, hergebrachter Identitäten und gegen die globale Ordnung stehen. Auch hier muss der Kampf um die Begriffe ansetzen. Es spricht einiges dafür, die Grenze des Liberalen (jenes ganzheitlich Liberalen, das eben alle Fragen des Miteinanders liberal zu beantworten versucht und nicht nur einige ausgewählte wirtschaftliche) genau dort zu ziehen.
Und doch verliert auch, oder gerade, der kosmopolitische Liberalismus im Augenblick weltweit gegen antiliberale Gegner. Deshalb müssen wir uns auch der Frage stellen, weshalb Autoritäre politisch erfolgreicher sind als Liberale. Haben jene recht, die einen Dark Liberalism fordern, der im Kampf gegen Autoritäre ihren Willen zur Macht kopiert? Die eigenen offenen Flanken und strukturellen Schwächen zu untersuchen, kann in jedem Fall nicht schaden. Es wäre ja naiv, wenn wir sagen würden: Statt auch nur eine Lektion des autoritären Erfolgs zu lernen, stehen wir lieber vor den rauchenden Ruinen des Liberalismus, aber können uns umdrehen und unsere Hände in Unschuld waschen.
Andererseits, wie auch in der Debatte um die wehrhafte Demokratie, schlägt diese Haltung ab einem gewissen Punkt von der Verteidigung des Liberalismus in dessen Überwindung um. Und sie läuft auch immer Gefahr, zu sehr die neurechte Fremdbeschreibung des Liberalismus unkritisch zu übernehmen – er sei schwach, aber gleichzeitig hegemonial; aggressiv im inneren Kulturkampf, aber passiv in der Konkurrenz etwa mit äußeren kulturellen Einflüssen; als liberale Demokratie zu schwach, um notwendige politische Entscheidungen durchzusetzen, aber doch immer auf unfaire Weise hart im Vorgehen gegen seine Kritiker. Wer diese Fremdbeschreibung einfach akzeptiert, macht es den Kritikern des Liberalismus zu leicht und übersieht Schätze in der liberalen Ideengeschichte, die es zu heben gilt. Wir sollten uns also der Frage widmen, welche Lektionen wir aus unserem aktuellen Bodenverlust an die Rechte ziehen sollten, welche Kritik am Liberalismus ernst genommen und welche verworfen werden sollte.
So müssen wir also einerseits lernen: mögliche Gefahren erkennen, die in liberaler Ideengeschichte angelegt sein könnten, aber auch strategisch wichtige Lektionen von der Konkurrenz akzeptieren. Andererseits müssen wir aber auch praktisch und politisch um die Bedeutung unserer Begriffe kämpfen. Diesen Herausforderungen wollen wir uns mit der zweiten Ausgabe von ævum nähern, sie diskutieren und damit im eigenen Lager eine Debatte anstoßen, die wir viel zu lange den anderen überlassen haben.
Marius Drozdzewski ist Mitgründer von ævum und Head of Strategy & Communication bei Prometheus, einem liberalen Think Tank in Berlin.
Er hat Philosophie und Mathematik studiert und bereitet gerade seine Promotion zur Liberalismuskritik gegenwärtiger Anti-Liberaler vor.