freiheit oder feudalismus?
Rothbards Erbe im hundertsten Jahr
Mit Trumps Wiederwahl stehen plötzlich nischige Ideen aus libertären Silicon Valley Kreisen im Rampenlicht der Medien. Über die exotischen Ideen von Monarchismus und Libertarismus, die durch Peter Thiel und Curtis Yarvin über J.D. Vance, David Sacks und Elon Musk mitten in die US-Regierung getragen wurden, wurde viel geschrieben. Für sie ist Demokratie unvereinbar mit einer freien Gesellschaft, stattdessen propagieren sie etwa eine CEO-Monarchie. Was so neu wie radikal klingt, steht tatsächlich in der Tradition einer Jahrzehnte alten anti-liberalen Strömung an den Rändern des amerikanischen Libertarismus: dem Paläolibertarismus.
Murray Rothbard, der in dieser Woche hundert Jahre alt geworden wäre, trägt viel Verantwortung für die Sympathie selbsternannter Libertärer gegenüber autoritären Herrschaftsformen. Rothbard war eigentlich Anarchist und einer der wichtigsten Vordenker des amerikanischen Libertarismus. In Anbetracht Rothbards Anarchismus überrascht es nicht, dass er das politische Programm des Liberalismus in vielen Teilen ablehnte. Statt liberaler Demokratie oder dem aufklärerischen Ideal öffentlicher Bildungseinrichtungen für alle Bürger, wollte er den Staat in Gänze abschaffen.
Rothbard sah sich aus diesen Gründen auch nicht als klassischen Liberalen, sondern eben als Libertären und den amerikanischen Libertarismus als eine Bewegung, die mit diesen Teilen der liberalen Tradition brechen könnte. Rothbard war also kein Demokrat und sympathisierte – anders als einige, die von ihm beeinflusst wurden – nicht besonders stark mit Monarchien. Er macht aber ein Argument bezüglich öffentlicher Güter, das später ähnlich auch von seinem Schüler Hans-Hermann Hoppe verwendet wurde. Öffentliche Güter seien nicht einfach kollektives Eigentum, denn nur wer tatsächlich über sie verfügt, habe wirklich Macht über sie. Bürokraten würden nicht einfach das Beste für die Allgemeinheit tun, sondern aus diesen Gütern möglichst viel Gewinn ziehen wollen. In der Demokratie würden die Machthaber die Güter nur bis zur nächsten Wahl schnellstmöglich ausbeuten. Das sorge oft für kurzsichtige Entscheidungen. In der Monarchie seien öffentliche Güter dahingegen langfristig im Besitz des Herrschenden.
Thomas Schwarz & Christian Goldapp
04.03.2026
Hans-Hermann Hoppe nutzt ein ähnliches Argument gegen die Demokratie, ist aber im Gegensatz zu Rothbard vom Vorteil der Monarchie gegenüber der Demokratie überzeugt.
Laut Hoppe seien in der Monarchie staatliche Güter das private Eigentum der Monarchen, diese würden sich mit der Ausbeutung dieser Güter zurückhalten, um zukünftige Einnahmequellen nicht zu verlieren. Folgt man Hoppe, hieße das, dass der Monarch sich etwa mit der Unternehmensbesteuerung zurückhielte, weil er sich die zukünftigen Einnahmequellen durch besseres Wirtschaftswachstum nicht verbauen will. Auch die Klassenunterschiede zwischen Adel und Bürgertum wären für die Freiheit hilfreich. Die Untertanen wären untereinander solidarisch und würden ihre Eigentumsrechte entschiedener verteidigen. Hoppes Anarcho-Kapitalismus besteht aus Privatstädten, die ähnlich wie monarchistische Stadtstaaten funktionieren und bei denen man auf dem Land eines Großbesitzers lebt, der ähnlich wie ein mittelalterlicher Fürst über seinen Landbesitz herrscht.
Inspiriert von Hoppe und Rothbard trug der Programmierer und Blogger Curtis Yarvin die die Mischung aus Libertarismus und Monarchismus ins Silicon Valley und über Peter Thiel und Marc Andressen auch zu J.D. Vance und in die zweite Trump-Regierung. Vor allem Hoppes anti-demokratische Haltung beeinflusste ihn stark: „Professor Hoppe’s Democracy the God that Failed is still one of the best anti-democracy tracts I’ve read, and it was most certainly the first“. Curtis Yarvin spricht sich dafür aus, die USA wie ein Unternehmen zu betrachten und den Staat als solches zu organisieren. An der Spitze würde eine Art CEO-Monarch stehen, der fast ohne Einschränkungen gestalten kann. Demokratie, Rechtsstaat, staatliche Bürokratie und politisch unabhängige Behörden sind Yarvin dabei ein Dorn im Auge. Stattdessen wäre die Welt im Idealfall bevölkert von unabhängigen, privatwirtschaftlichen Städten. In diesem Fall könnte man sich aussuchen, in welcher Privatstadt man leben möchte, und es gäbe einen marktwirtschaftlichen Anreiz für CEO-Monarchen, gut zu herrschen.
Viele Monarchisten dieser Sorte sind stark von der sogenannten paläolibertären Strömung beeinflusst. Der Paläolibertarismus folgte einer in den 80er- und 90er-Jahren von Lew Rockwell und Murray Rothbard entworfenen Strategie. Ziel war es, libertäre, konservative bis reaktionäre und populistische Elemente zu vereinen und eine Alternative zum konservativen Establishment in Washington, DC., zu bilden. Der Paläolibertarismus sollte dabei helfen, die Alte Rechte, in der anti-staatliche, isolationistische und anti-demokratische Haltungen weit verbreitet waren, wiederzubeleben. Amerikas Engagement in internationalen Organisationen und Bündnissen wie der NATO wird von Paläolibertären abgelehnt. Stattdessen fordern sie eine isolationistische „America First“-Politik. Wie viele andere US-Libertäre waren auch Rockwell und Rothbard überzeugte Pazifisten und lehnten jedes militärische Engagement der USA ab. Krieg und Militär wurden als Mittel gesehen, die Macht des Staates immer weiter auszudehnen und die Freiheiten von Amerikanern und Menschen in aller Welt zu beschneiden.
Besonders verhasst ist das amerikanische Bündnis mit Israel. Hier tauchen oft auch antisemitische Klischees auf. So sei etwa laut Rothbard am zweiten Golfkrieg eine mächtige „Zionistenlobby“ mitverantwortlich. Im gleichen Aufsatz vertrat Rothbard absurderweise auch die geschichtsrevisionistische These, Adolf Hitler hätte nur Gebiete zurückgewinnen wollen, die Deutschland im Ersten Weltkrieg verloren hätte. Die „Lebensraum“-Ideologie der Nazis bleibt dabei völlig unerwähnt. Rothbard tat dies wohl, um Amerikas Krieg gegen Nazideutschland zu delegitimieren, denn der Kampf gegen die Achsenmächte ist wohl das offensichtlichste Beispiel für einen gerechten Krieg und würde damit Rothbards Isolationismus in Frage stellen.
Die paläolibertäre Abneigung gegenüber Israel ist immer noch hoch aktuell. So verließ Hans-Hermann Hoppe das deutsche Ludwig von Mises Institut (das amerikanische Original ist ein von Lew Rockwell gegründeter paläolibertärer Think-Tank, in ihm ist er noch Mitglied), weil dort Javier Milei ausgezeichnet wurde. Hoppe lehnte die Auszeichnung unter anderem auch ab, weil ihm Javier Milei zu israelfreundlich ist.
Auch vor konservativem Kollektivismus schrecken die Paläolibertären nicht zurück. Hoppe hält nur einen streng traditionellen und konformistischen Lebensstil mit einer libertären Gesellschaft nach seinen Vorstellungen vereinbar. Wer zu hedonistisch ist, zu egalitäre Gedanken pflegt (sich zum Beispiel für die Demokratie oder gar Kommunismus ausspricht) oder nicht nach einem traditionellen Familienbild lebt, müsse aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Ohne diese Ausgrenzungen würde eine paläolibertäre Gesellschaft angeblich zerbrechen. Es überrascht nicht, dass es Teil der Paläo-Strategie wurde auch bewusst die Nähe zu Rechtsextremisten zu suchen, um eine breitere rechtspopulistische Basis aufzubauen. So solidarisierte sich Rothbard mit dem Neonazi und Ku-Klux-Klan Führer David Duke, als dieser – angeblich geläutert – versuchte als rechtspopulistischer Lokalpolitiker wieder Fuß zu fassen.
Die Unsinnigkeit der monarchistischen Argumente der Paläolibertären sollten jedem, der sich etwas mit Geschichte auskennt oder aktuelle Ereignisse in modernen absoluten Monarchien verfolgt, klar sein. Historisch ist es eine falsche Vereinfachung, so zu tun, als wäre das Staatswesen einfach Privateigentum des Fürsten gewesen. Stattdessen existierten komplexe gesellschaftliche Institutionen, über die kein Fürst uneingeschränkt herrschen konnte. Dieses System war keine schlanke Firmenstruktur, über die ein CEO herrschte. Die Untertanen waren, anders als Hoppe behauptet, auch nicht solidarisch miteinander, sondern Interessensgemeinschaften buhlten beim Fürsten um wirtschaftliche Privilegien und Sonderrechte. Die Fürstenherrschaft war nicht die Zeit von freier Marktwirtschaft und Wettbewerb, sondern die der Gilden, Sonderinteressen und Handelsmonopole.
Auch moderne Monarchien sind keine libertären Paradiese, sondern meist gezeichnet von Korruption und planwirtschaftlicher Fehlallokation von Ressourcen. In den Golfmonarchien werden regelmäßig Milliardensummen an Staatsgeld für gescheiterte Großprojekte wortwörtlich in den Sand gesetzt. Im Falle der autonomen anarcho-kapitalistischen Privatstädte stellt sich die Frage, warum die Kleinstaaterei nicht zu ähnlichen Problemen, wie wir sie aus der deutschen Geschichte kennen, führen sollte? Protektionismus, Eingriffe in Eigentum, Krieg und Gewalt waren keine Seltenheit in Deutschland vor dem Nationalstaat und auch die kleineren Fürstentümer waren kein Hort der Freiheit, sondern für Hexenverfolgungen und ähnliche Mob-Mentalitäten besonders anfällig.
Hoppe findet auch keine befriedigende Antwort auf eines der stärksten Argumente des klassischen Liberalismus gegen eine Fürstenherrschaft und für die Demokratie: das Argument für den innerstaatlichen Frieden. Die Paläolibertären beziehen sich ständig auf Ludwig von Mises, doch war er kein Anarchist noch Monarchist, sondern Liberaler und sprach sich mehrfach deutlich für die Demokratie als Regierungsform aus. In seinem 1927 erschienenen Buch „Liberalismus“ betont Mises vor allem den Wert von Demokratie, um einen friedlichen Regierungswechsel zu ermöglichen. Die Demokratie sei ein Mittel um Staatsstreiche, Bürgerkriege und andere Gewalt zu vermeiden.
Der Kollektivismus der Paläolibertären ist selbstverständlich völlig illiberal. Hans-Hermann Hoppes konservativ-traditioneller Kollektivismus ist ähnlich schwer nachzuvollziehen. Warum eine traditionelle Familie wichtig sei, um Teil einer libertären Gesellschaft zu werden ist völlig unlogisch. Es ist nicht ersichtlich, wie denn ein gleichgeschlechtliches Paar oder ein Ehepaar mit offener Beziehung eine Gefahr für die Freiheit anderer darstellt. Kaum konsistenter ist Hoppe mit seinem Zorn gegenüber egalitären Ideen. Denn wenn die Ausgrenzung von Demokraten in seiner libertären Gemeinschaft ernst gemeint ist, dürfte man ja öffentlich nicht mehr die Werke von Ludwig von Mises lesen mit ihren pro-demokratischen Aussagen.
Statt der kulturellen Vielfalt, die die liberale Demokratie mit einer offenen Gesellschaft hervorgebracht hat, wäre eine gewaltsam aufgezwungene Monokultur die Folge. Ohne universelle Rechte gäbe es kein Korrektiv mehr, wenn eine bestimmte Gesellschaft Minderheiten misshandeln und entrechten würde. Wer mit Neo-Nazis und dem KKK paktiert, kann nicht erwarten, dass nach der Überwindung der alten Ordnung eine freiheitliche neue Ordnung entstehen würde. Autoritäre Bewegungen sind fast immer auf eine effektive und zentralisierte Ausübung von Gewalt spezialisiert und haben eine autoritäre Gesellschaft zum Ziel.
Als Regierungsform bleibt den Freiheitsfreunden wohl nur die liberale Demokratie. Demokratische Entscheidungen sind nicht automatisch gerecht oder gut für das Allgemeinwohl. Sie sind nicht unbedingt liberal. Doch die Demokratie gibt jedem Bürger das Recht mitzumachen: abzustimmen, sich bei Wahlen aufzustellen, sich in Parteien zu engagieren, die Wahl auszuzählen und sich über die Regierung zu beschweren. Die liberale Demokratie gibt eine Werteordnung vor, die dem Individuum, seinen Wünschen und Träumen einen besonderen Stellenwert in der Gesellschaft zuschreibt.
Die liberal-demokratische Verfasstheit des Staates gibt vielen weiteren Freiheitskämpfen Vorschub. Bürgerliche Freiheitsrechte wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Versammlungsfreiheit haben einen hohen Wert in unserer Gesellschaft, eben weil wir eine liberale Demokratie sind und diese Freiheitsrechte für unsere Republik unabdingbar sind. Der demokratische Bürger ist im Ideal ein liberaler Mensch, er hinterfragt, handelt eigenverantwortlich und respektiert seine Mitmenschen. Ihm gegenüber steht der Untertan, der Fürstenknecht, der nicht hinterfragt und sich nicht wehrt, sondern beherrscht wird.
Sollte man diesen Monarchismus und Kollektivismus also überhaupt paläolibertär nennen und damit als libertär bezeichnen? Murray Rothbard galt als „Mr. Libertarian“ und hat die Bewegung stark geprägt; man kann sich die Geschichte des Libertarismus kaum ohne ihn vorstellen. Bei den von ihm inspirierten Autoren Hoppe und Yarvin sind die Spannungen zu den aufklärerischen und liberalen Prinzipien, auf die sich Libertäre meist beziehen, viel deutlicher. Curtis Yarvin selbst schlug Paläolibertären daher vor, die Werte der Aufklärung sowie die amerikanische Revolution einfach abzulehnen, schließlich hätten diese ja zum modernen Staat geführt. Mit der Ablehnung der amerikanischen Revolution und der Aufklärung sollte dann auch Libertarismus als Eigenbezeichnung abgelegt werden. Der Libertarismus stünde zu stark in Verbindung mit der Revolution und ihren Werten. In diesem Fall will man Curtis Yarvin einmal nicht widersprechen. Ob man darin jedoch Rothbards Erbe sehen darf, darüber lässt sich streiten.
Thomas Schwarz studiert Politik- und Demokratieforschung an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Daneben ist er Landesvorsitzender der Liberalen Hochschulgruppen Rheinland-Pfalz, Ortsvorsitzender der Liberalen Hochschulgruppe Mainz und in der rheinhessischen Kommunalpolitik aktiv, unter anderem im Kreisvorstand der FDP Alzey-Worms und im Sozialausschuss der VG Alzey-Land.
Christian Goldapp ist Informatiker und Consultant in der Finanzbranche.
Im Ehrenamt engagiert er sich als liberaler Politiker mit besonderem Interesse an digitalen Bürgerrechten und einer liberalen geopolitischen Ordnung. Er hat Informatik und Raumfahrttechnik in Braunschweig und Odense studiert.