splittær

Peak Postliberalism

01.05.2026

Sven Gerst

In der Reihe splittær erscheinen freitags ab und an kurze Texte, Rezensionen oder Gedanken, diedas Programm der jeweiligen Ausgabe von ævum ergänzen. Diese Woche:
Review von Paul Kelly (2025): Against Post-Liberalism: Why 'Family, Faith and Flag' is a Dead End for the Left und Matt Sleat (2025): Post-Liberalism, beide erschienen bei Polity Press.

Als ich zu Beginn des Jahres von Polity Press gleich zwei Bücher zum Thema Postliberalismus zur Rezension zugeschickt bekam, war ich zunächst etwas überrascht. Irgendwie schien mich die Zeit eingeholt zu haben: Hatte Adrian Pabst nicht erst 2020 den „post-liberalen Moment“ ausgerufen? Und auch die Veröffentlichungen von Rod Drehers Die Benedikt-Option (bis heute in seiner Wirkung auf diese Bewegung das wohl unterschätzteste Werk) und Patrick Deneens Warum der Liberalismus gescheitert ist können doch noch nicht so lange zurückliegen. Ich hätte meinen können, es sei erst gestern gewesen.

Und doch wurde mir bei der Lektüre von Matt Sleat und Paul Kelly schnell klar, dass seit diesem Sommer 2019, den ich mit diesen Vorläufern des vielbeschworenen „Vibe Shifts“ verbracht habe, mehr Zeit vergangen ist, als man denkt. 

Und zugleich auch irgendwie nicht. 

Denn Deneen, Vermeule und Co. wirken aus heutiger Sicht seltsam flüchtig, vergänglich und letztlich folgenlos. Intellektuell (und womöglich bald auch realpolitisch) ist der Postliberalismus einfach so … verpufft.

Da mag es kaum verwundern, dass nun auch der ein oder andere Philosophieprofessor noch kurz vor knapp um die Ecke kommt, um den Postliberalismus in Form von Taxonomien, konzeptuellen Analysen und ideengeschichtlichen Einordnungen zu vermessen. Mich erinnert das etwas an den Moment, in dem mein Friseur im nächsten Bullrun plötzlich wieder nach Bitcoin fragt. Oder anders gesagt: Ist das Peak Postliberalism?

Dieser Diagnose würden Kelly und Sleat vermutlich vehement widersprechen. Beide behandeln den Postliberalismus als ernstzunehmende intellektuelle Strömung, der man mit analytischem Ernst und begrifflicher Sorgfalt begegnen müsse. Das ehrt sie. Aber genau darin liegt auch das Problem. Vieles wirkt wie eine Überintellektualisierung eines Phänomens, das seinen Zenit und seine Wirkkraft längst überschritten hat.

Das schmälert die Qualität ihrer Analysen aber keineswegs. Im Gegenteil. Beide liefern hilfreiche und oft wohlwollende Einordnungen einer in weiten Teilen destruktiven und unausgegorenen Denkbewegung. Doch auch ihre Geduld hat Grenzen. So bietet Paul Kelly nicht nur eine systematische Darstellung der drei Gesichter des Postliberalismus (Nationalpopulismus, Gemeinwohl-Kommunitarismus und Gemeinwohl-Absolutismus), sondern zugleich eine präzise Dekonstruktion seiner Methode: des strategischen „Demaskierens“ des Liberalismus über selektive Genealogien. Matt Sleat ergänzt dies auf analytischer und ideengeschichtlicher Ebene. Er zeigt wunderbar strukturiert auf, wie der Postliberalismus als Feindbild eine nahezu Frankenstein-artige Karikatur des Liberalismus konstruiert, die weit über den Poltergeist des „Neoliberalismus“ hinausgeht. Sleat weist den Postliberalen dabei einen simplen Kategorienfehler nach: Sie verwechseln den Liberalismus schlichtweg mit der Moderne und machen ihn für deren unvermeidbare Begleiterscheinungen verantwortlich.

Sprich: Beide Autoren leisten wichtige Beiträge zur konzeptionellen Einordnung dieser Denkbewegung. Gleichzeitig ist die Frage erlaubt, ob sie dabei nicht der Überhöhung ihres Untersuchungsgegenstands verfallen. Das wäre verständlich. Schließlich gilt: Je intensiver man sich mit einem Studienobjekt beschäftigt, desto eher neigt man dazu, dessen Relevanz zu überschätzen. Da kann man dann vielleicht auch mal den Fakt aus den Augen verlieren, dass Adrian Vermeule zwar Professor in Harvard ist, die Wahrscheinlichkeit, dass die USA aufgrund seiner Ideen zu einer katholischen Theokratie umgebaut werden, jedoch gen null geht. Oder zumindest so wahrscheinlich ist wie die Vorstellung, dass Amlinger und Nachtwey je Nozick und Co. gelesen haben.

Der geneigte Leser wird es daher eher mit der Lesart Jan-Werner Müllers halten: Postliberalismus ist am Ende wenig mehr als ein elaboriertes „own the libs“ frustrierter konservativer Universitätsprofessoren.

Und spricht man heute mit postliberalen Vordenkern, merkt man schnell, dass dort wenig von dem Enthusiasmus für ein kohärentes intellektuelles Projekt vorhanden ist, den Kelly und Sleat in ihren Analysen heraufbeschwören. 

Ich habe Patrick Deneen vor wenigen Wochen selbst auf einer Konferenz gefragt, ob er meine These eines „Peak Postliberalism“ teilt. Er wich aus. Er habe zu diesem Thema alles gesagt und widme sich nun anderen Dingen, wie dem antiken Griechenland. Er sei, Zitat, kein „movement guy“. Ich nehme das mal als höfliche Verabschiedung. In jedem Fall ist das kein Zeichen einer besonders vitalen Denkbewegung.

Naheliegender erscheint daher diese Schlussfolgerung: Kelly und Sleat verleihen dem Postliberalismus mehr intellektuelle Strahlkraft als er je hatte und wollte. Deneen und Co. ging es nie um eine systematische Ideologiekritik oder die Weiterentwicklung eines gemeinwohlorientierten Kommunitarismus für die Gegenwart. Im Zentrum stand immer die Polemik gegen die vermeintliche Vorherrschaft eines rawls’schen Linksliberalismus an den Universitäten – das trieb all diese Autoren auf ganz persönlicher Ebene an. Und Orbáns Schergen am MCC ging es vor allem um den Aufbau eines politisch nützlichen Gegennarrativs zur liberalen Demokratie.

Ein ideentheoretisch produktiver Diskurs, wie ihn Sleat und Kelly rekonstruieren, ist daraus jedoch nie entstanden. Es gibt weder eine nachrückende Generation postliberaler Denker noch eine erkennbare Weiterentwicklung oder ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Postliberalismus auf liberaler Seite. Genau deshalb taugt der Postliberalismus kaum als tiefgreifendes Studienobjekt. Er scheint vielmehr ein politisch motivierter, vorschneller und handwerklich unsauberer Revolutionsversuch zu sein, der den Abgesang auf den Liberalismus vor allem narrativ, also metapolitisch, verankern wollte. So ganz ernst genommen wurde das aber letztlich nie, weder von Liberalen noch von Postliberalen selbst.

Und genau das zeigt sich dann doch wieder implizit in den Schlusskapiteln der beiden vorliegenden Bücher. Dort stützen die Autoren ganz unbeabsichtigt meine Arbeitsthese, wenn sie ihre eigenen Antworten auf die postliberale Kritik formulieren. Denn sie tun genau das, was man von linksliberalen Universitätsprofessoren erwarten würde: Sie kehren zu den altbekannten, altbackenen Liberalismusdebatten der letzten Jahrzehnte zurück, sei es der fehlende liberale Perfektionismus (Sleat) oder die Notwendigkeit eines stärkeren ökonomischen Egalitarismus (Kelly). Der „postliberale Moment“ ist selbst an diesen beiden Denkern vorbeigezogen und wird am Ende maximal dafür genutzt, die alten Steckenpferde wieder in Buchform ins Schaufenster zu stellen. An der Gestalt des Liberalismus hat diese vergängliche Modeerscheinung nicht wirklich etwas verändert.

In diesem Sinne ist der ach-so-traditionalistische Postliberalismus selbst genau das, was er so verachtet: ein hyperpolitisches Diskursphänomen. Viel Aufmerksamkeit, viel Empörung, viel Performativität, aber keinerlei strukturelle Durchschlagskraft oder Veränderung.

Gott sei Dank, möchte man – ganz postliberal – sagen.

Sven Gerst ist Mitgründer von ævum. Er hat einen interdisziplinären Hintergrund in Philosophie, Politischer Ökonomie und Wirtschaftswissenschaften und hat am King’s College London, der London School of Economics sowie der Universität Mannheim studiert. Sven schreibt einen wöchentlichen Newsletter und ist einer der Hosts von Open Axis.