führe uns nicht in die wut-versuchung!
„The Dark Knight“, der zweite Teil der legendären Batman-Trilogie von Christopher Nolan, erzählt nicht nur die Geschichte von Joker, sondern auch die von Harvey Dent. Der Sunnyboy-Staatsanwalt mit dem höchstmöglichen Idealismusfaktor möchte das verkommene Gotham City aus dem Griff von Kriminalität und Korruption befreien. Mit seiner zupackend-freundlichen Art und seinem glaubhaft gelebten Wertekanon verkörpert er die Hoffnung der gebeutelten Bürger – als einer (der Besten) von ihnen.
Doch der Joker bricht ihn: er lässt seine Partnerin in die Luft gehen und macht dem traumatisierten Dent kurz darauf klar, wo die tatsächliche Schuld an ihrem Tod zu suchen sei: In dem unfähigen, desorganisierten, weichlichen, Kompromisse schließenden und mithin kompromittierenden politischen System Gothams.
Mit dem zunehmenden Systemdruck, der sich auf die liberalen Demokratien des Westens auswirkt, steigt seit einiger Zeit auch die Zahl der Liberalen mit dem Harvey Dent-Syndrom. Es sind Leute, die gestartet sind mit hehren Idealen. Die Begleiter ihrer Jugend waren Mises und Friedman. Ludwig Erhard und Margaret Thatcher brachten ihre Augen zum Leuchten. In ihnen atmete unterbewusst das Ende der Geschichte, und der Glaube an den Fortschritt federte sanft ihre Füße. Sie waren selbstbewusste Sunnyboys (Girls sind leider generell selten in diesem Umfeld), die sich über griechische Staatsverschuldung, expansive Notenbankpolitik oder gründerfeindliche Regulierung grämten. Sie waren überzeugt: Wenn sie sich in einer Partei einbrachten, ihre Gedanken in Blogs platzierten, eine Hochschulgruppe organisierten oder zumindest T-Shirts mit den richtigen Botschaften trügen, würde sich etwas verändern. Nein, nicht sich: sie! Sie würden etwas verändern.
Clemens Schneider
30.01.2026
Doch diese Erwartungen liefen ins Leere: Aus dem Reformstau westlicher Staaten wurden gefühlt die undurchdringlichen Fettberge, die urbane Kanalisationen verstopfen. Leistungsbereitschaft geriet immer stärker in Verruf, wogegen Leistungsansprüche ungebremst erfüllt wurden. Das demographisch wie polit-bürokratisch sklerotische System westlicher Gesellschaften wurde einer Dauerbestressung durch irreguläre Migration ausgesetzt. Der Fortschritt erstickte im Mehltau. Und die scheinbar beendete Geschichte erwachte panikartig aus ihrem Dornröschenschlaf und würgte Populismen aller Couleur hervor.
Hoffnungen und Erwartungen auf den Lauf der Dinge, ganz besonders aber auf sich selbst, zerbarsten. Man hatte doch die richtigen Einsichten gewonnen. Man war doch mit Verve zur Sache gegangen, im Kreisverband, auf Facebook, Twitter oder Instagram. Und nichts wurde besser, alles schlimmer. Wie zermürbend ist es, solche Entwicklungen zu beobachten; wie zermürbend aber vor allem, wenn man überzeugt war, sie durch den eigenen Einsatz aufhalten und umkehren zu können. Man hatte doch die richtigen Ideen. Man hatte doch alles gegeben.
Christopher Nolan hatte nur wenige Einstellungen zur Verfügung, um in „The Dark Knight“ den Wandel von Harvey Dent zum Erzschurken Two-Face zu skizzieren. In der Realität des ersten Viertels der 21. Jahrhunderts ist die Verdunkelung liberaler Sunnyboys etwas langsamer vonstattengegangen, wenn auch inzwischen mit zunehmender Geschwindigkeit.
Die Hilflosigkeit, der Verlust an Selbstwirksamkeit lösen das Harvey Dent-Syndrom aus: Liberale verfrusten sich zunehmend. Ihr anfänglicher Veränderungswille wird immer mehr zu Zerstörungswillen. (Sie lieben die Kettensäge nicht, weil sie Entfaltungsraum für Neues schafft, sondern weil sie das verhasste Alte verhackstückt.) In ihrer Erschöpfung werden sie immer zugänglicher für eine der beiden großen Versuchungen, mit denen der antiliberale Verführer, der „Joker“ versucht, die Gläubigen vom rechten Weg abzubringen.
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Die zwei großen Versuchungen sind Hybris und Wut. Sie spiegeln die beiden großen Superkräfte des Liberalismus: Demut und Mut.
Die und der Liberale erarbeiten sich in ihrer Liberalenwerdung Demut als Grundhaltung zu Mitmensch und Umwelt: Sie lernen anzuerkennen, dass der andere möglicherweise mindestens so gute Einsichten haben kann, wie man selbst; dass die andere ihr Leben mindestens so erfolgreich in die Hand nehmen kann, wie ich das meine. Und die Liberalen sind ausgehend von diesem Vertrauen auf Verantwortlichkeit und im Trotz den Ungewissheiten des Lebens gegenüber immer wieder willens, den Schritt ins Unbekannte, Unplanbare, Unbeherrschbare zu tun. Mut ist der Taktschlag ihres Lebens.
Diesen Tugenden stehen die Versuchungen entgegen: Das Gegenstück zur Demut ist die Hybris, jene Form des intellektuellen Egoismus, wenn man der Vernunft viel zutraut, aber (oft auch beim kopfschüttelnden Umherblicken im Reich des Politischen) insbesondere bis ausschließlich der eigenen Vernunft. Der Blick auf (je nach Neigung) Merz oder Trump, Orban oder Macron, der in einem die Gewissheit reifen lässt, dass da nur noch Dumm- oder Bosheit wüten.
Und dem Mut schließlich steht die Wut entgegen. Die unternehmerische Energie, die im liberalen Charakter tief verwurzelt ist, wendet sich aus Frust vom Aufbauen ab und verliert das Ziel aus dem Auge: das Hineinbauen ins Reich der unendlichen Möglichkeiten noch unerkundeter Territorien von Welt und Mensch. Die Energie wird blind und wütend. Sie nährt sich nicht mehr aus der Hoffnung auf das Morgen, sondern aus der Enttäuschung und Trauer über das Heute. Der wutentbrannte Liberale möchte brennen sehen: das, was seinen Argumenten unzugänglich ist, was seine klugen Vorschläge in den Wind schlägt, was sehenden Auges in den Untergang geht und alle dabei mitreißt.
Während diese Wut-Versuchung die Energie des Liberalen auf das Destruktive ablenkt, bringt sie ihn auch noch ab vom liberalen Weg, indem sie ihn zu einem politisierenden Wesen verwandelt. In seine Gedanken und sein Herzen schleicht sich der Primat der Politik ein. Dabei ist doch das Ziel der Liberalen eigentlich die Überwindung des Politischen. Er sehnt sich nach einer Welt, in der sich Menschen mit all den vielen Dingen beschäftigen, die das Leben schöner und interessanter machen; das in den Blick nehmen, was sie miteinander verbindet. Eine Welt, in der man Zeit mit Familie und Freunden verbringt. In der man tüftelt und forscht. In der man neue Produkte und Dienste entwickelt, um Leben in dieser Welt einfacher, spannender und glücklicher zu machen. In der man musiziert und feiert, neue Serien und Spiele entwickelt, Gerichte kreiert, schöne Häuser baut und Parks anlegt.
Von all dem, vom Schönen und Guten, vom Miteinander und Füreinander wenden sich die Wütenden ab. Immer mehr lassen sie sich von ihrer Wut treiben, sind nicht mehr Frau oder Herr ihrer selbst, weil jeder LinkedIn-Post, jede Push-Nachricht und jede Podcast-Folge sie wieder mit Macht in das Reich des Politischen ziehen. Jedes dieser Fünkchen triggert die Erinnerung an Enttäuschung und Frust. Hatte man nicht die besseren Einsichten? Hatte man nicht alles gegeben?
Und die größte Tragik an dieser Entwicklung: Diese Versuchung befällt zunehmend nicht mehr nur die Enttäuschten in der Mitte des Lebens. Vielmehr wirken sie als multiplizierende Vorbilder und stecken nachfolgende Generationen von Liberalen an. Wie ein ererbtes Familientrauma pflanzt sich die schnell zu triggernde Wut-Versuchung fort und lenkt immer mehr Liberale, ihre Energie, Hirne und Herzen, ab vom Streben nach der postpolitischen Welt, in der sich Menschen nicht mehr in Lagern gegeneinander abgrenzen, sondern gemeinsam an einem glücklicheren Morgen arbeiten, als Unternehmerinnen, Künstler, Forscherinnen, Pfleger oder Lehrerinnen.
Harvey Dent wurde nach seiner Frustration zum Erzschurken Two-Face, der die ganze Welt in einer dualistischen Logik sah. Dies ist auch die Logik des Politischen. Die Logik des Verlierens und Gewinnens, von Freund und Feind, Gut und Böse und des begrenzten Kuchens. Die Logik des Liberalen hingegen ist nicht dualistisch, sondern pluralistisch. Es ist die Logik des Marktes, der Experimente, des Win-Win, der Zusammenarbeit und des vielfältigen Überflusses. Ein Liberalismus, der überleben, wachsen und anziehen will, sollte diese Logik wiederentdecken und wiedererwecken. Er muss seine Energie in Mut kanalisieren statt in Wut. Er darf sich nicht von dem Schlimmsten aller Schurken, dem totaldestruktiven Joker, in die Falle locken lassen.
Ein Liberalismus mit Zukunftskraft ist wie der große Scheinwerfer, mit dem Batman gerufen wird: Er fokussiert nicht die Probleme und das Elend des Heute, sondern strahlt in den Himmel hoch und verweist so schon auf das Morgen. Er strahlt auf den Moment zu, wo am Ende des dritten Teils Batman von der Bildfläche verschwinden kann und Gotham City auf eigenen Füßen steht, um wieder das zu sein, was Städte sein sollen: ein Ort, wo Menschen sich begegnen, zusammenarbeiten, lernen, erschaffen, feiern, hoffen und lieben.
Clemens Schneider ist Direktor von Prometheus, der Heimat der Freiheit, in Berlin. Außerdem publiziert er immer mal wieder in FAZ, Welt, taz und anderen Medien. Seine besondere Leidenschaft gilt der Pflege der Bibliothek des Liberalismus. Der studierte katholische Theologe und frühere Mönch engagiert sich ehrenamtlich als Leiter der Agora Sommerakademie sowie im Vorstand der Initiative Queer Nations und des English Choir Berlin.