Warum die These vom Ende des Liberalismus falsch ist
Es ist etwas still geworden um Patrick Deneen. Der wohl prominenteste Denker des Postliberalismus hat sich in den vergangenen Monaten auffallend wenig geäußert. Für den kommenden Juli ist ein neues Buch angekündigt – diesmal soll es nicht um den Liberalismus gehen, sondern um Homers Odyssee und die Frage, was dieser Mythos über den Zustand der US-amerikanischen Seele verrät. Das wirkt beinahe wie ein intellektueller Rückzug in Psychologie und Literatur.
Otmar Tibes
11.03.2026
Und das zu einem Zeitpunkt, in dem ein erklärter Postliberaler in Washington als Vizepräsident mitregiert.
Noch vor wenigen Jahren wurde Deneen mit Büchern wie Why Liberalism Failed (2018) und Regime Change. Toward a Postliberal Future (2023) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Darin formulierte der Politikwissenschaftler eine radikale Liberalismuskritik, die in der provokanten These kulminierte, der Liberalismus sei am Ende – nicht weil er einer anderen Ideologie unterlegen wäre, sondern weil er gesiegt habe.
Die sich parallel verschärfende Krise der liberalen Demokratie schien seiner Diagnose weiter Plausibilität zu verleihen und heute, da sich die Krise weiter zuspitzt, sind manche geneigt, die postliberale Kritik als Beschreibung unserer Gegenwart zu verstehen. Mittlerweile wird sogar über eine linke Version des Postliberalismus diskutiert, was eine merkwürdige Volte ist, wenn man bedenkt, wofür „postliberal“ politisch steht. Als ließe sich die autoritäre Versuchung einfach umetikettieren – schon die poststrukturalistische Relektüre von Carl Schmitt bei Chantal Mouffe ist an einem Umetikettierungsversuch gescheitert.
Der Liberalismus ist noch nicht tot
So überzeugend Deneens Kritik in mancher Hinsicht sein mag, so falsch ist ihre Schlussfolgerung, dass der Liberalismus an sein Ende gekommen ist. Sie lebt von der Prämisse, dass der Liberalismus seine innere Logik vollständig entfaltet und damit seinen historischen Endzustand erreicht habe. Das setzt voraus, dass es diese eine liberale Logik überhaupt gibt. In Wahrheit war „Liberalismus“ von Anfang an ein Feld konkurrierender Deutungen – ein umkämpfter Raum, nie ein monolithisches Projekt.
Deneens Liberalismuskritik ist der Wiederaufguss einer geschichtsphilosophischen Diskussion des 20. Jahrhunderts über das Ende der Geschichte, die von Alexandre Kojève über Jakob Taubes bis eben Francis Fukuyama reicht. Deneen stellt sich, dieser Tradition folgend, den Liberalismus jedoch zu sehr wie ein Computerprogramm vor. Politische Ideologien sind instabile Gebilde aus wenigen Grundüberzeugungen und temporären Manifestationen, die wir als ideologische Grundlagen begreifen, sowie zahlreiche kurzfristige Anlagerungen. Es gibt sie nie in der Einzahl, nur in Varianten.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie diese Elemente sich mit der Zeit verschieben, miteinander in Konflikt geraten oder neu interpretiert werden. Auch die Ideengeschichte des Liberalismus ist von solchen Konflikten und Veränderungen geprägt, was Deneen sicherlich weiß. Umso erstaunlicher ist deshalb, dass Deneen von einem intellektuellen Endzustand ausgeht, als sei eine Weiterentwicklung ausgeschlossen.
Das Geistesleben hört jedoch nicht einfach auf und der Liberalismus ist nicht einfach fertig. Im Gegenteil: Insbesondere das liberale Geistesleben wirkt heute wieder lebendiger. Immer mehr Menschen setzen sich kritisch mit dem Liberalismus auseinander – und darunter sind auch einige Liberale, wie Samuel Moyns Liberalism Against Itself (2023) und die Debatte darum zeigen. Ironischerweise trägt sogar der Postliberalismus dazu bei, dass mehr und mehr über liberales Denken nachgedacht wird. Vielleicht haben Postliberale die produktive Nebenwirkung ihrer Kritik unterschätzt.
Natur und Telos
Das zweite große Problem von Deneen ist, dass er sich an einem fragwürdigen Bild vom Liberalismus abarbeitet. Dieses Verständnis – um nicht zu sagen: Zerrbild – ist zwar selbst unter Liberalen verbreitet, weil es einem kanonischen Liberalismusverständnis entspricht. Gleichwohl kann man den Liberalismus nicht einfach auf dieses Verständnis reduzieren, ohne ihn zu essenzialisieren. Noch etwas positiver gewendet: Die liberale Tradition ist sehr viel reicher, als Deneen das in seinen kritischen Werken voraussetzt.
Was als Polemik seiner Rhetorik dient, unterläuft zugleich sein Argument. Das lässt sich an Deneens Kritik am sogenannten „klassischen Liberalismus“ demonstrieren. Die klassische Tradition, die bei John Locke beginnen soll, beruht nach Deneen auf der Annahme, dass der Mensch zwar noch eine Natur besitzt, aber kein Telos mehr. Die später entstehende progressive Tradition des Liberalismus nimmt hingegen ein Telos an, bestreitet jedoch eine menschliche Natur. Beide Varianten, so Deneens Vorwurf, beruhen auf einer Zurückweisung der vormodernen Tradition, in der angenommen wurde, dass der Mensch sowohl eine Natur als auch ein Telos besitzt. Das Telos des Menschen leite sich aus seiner Natur ab – eine Auffassung, die sich bei Aristoteles, Thomas von Aquin und vielen anderen klassischen sowie christlichen Denkern findet.
Obwohl diese Gegenüberstellung nicht völlig falsch ist, erweist sie sich bei näherem Hinsehen als polemische Verzeichnung. Denn auch die liberale Ideengeschichte kennt die Einheit von Natur und Telos. Dass Deneen in seinen Büchern kaum oder nur sehr lückenhaft auf jenen Strang der liberalen Vortradition eingeht oder auf sie verweist, ist daher schon etwas verräterisch – gerade, wenn es ihm darum geht, die heutige Selbsterzählung des Liberalismus als Verkennung der Geschichte zu markieren.
Die philosophische Linie, die von Platon und Aristoteles über Descartes und Spinoza führt – letzterer ein zentraler Vordenker des Liberalismus –, setzt sich in der Moderne über Hegel und Marx fort. Bemerkenswerterweise schweigt sich Deneen über Spinoza und Hegel weitgehend aus, und von Marx nimmt er sich nur das, was ihm argumentativ in den Kram passt.
Gewiss werden Postliberale hierauf einwenden, dass viele Liberale diese Traditionslinie gar nicht mehr kennen. Im gegenwärtigen Liberalismuskanon kommen diese Denker nicht mehr vor und selbst dort, wo noch eine Kenntnis von ihnen vorhanden ist, wird oft ein polemischer Umgang mit ihnen gepflegt. Platon gilt vielen Liberalen bis heute als „geistiger Urvater des Totalitarismus“, was natürlich Unfug ist. Über den Umgang mit Hegel und Marx brauchen wir keine Worte verlieren: Beide sind aus dem liberalen Kanon entfernt und in einen liberalen Anti-Kanon verbannt worden.
Spinoza hingegen wird häufig übergangen – was erstaunlich ist, da er den Zweck des Staates ausdrücklich als Freiheit definiert und den allseitig vereinnahmten John Locke stark beeinflusst hat. Der Staat soll den Bürgern ermöglichen, Körper und Geist sicher zu entfalten. Von diesem Telos wird auch die Natur des Menschen nicht getrennt, denn zur menschlichen Natur gehört seine Vernunftfähigkeit untrennbar dazu. Schon Aristoteles verstand den Menschen als „zoon logikon“ und zugleich als „zoon politikon“. Doch wusste Spinoza auch, dass der Staat seine Bürger nicht zur Vernunft zwingen kann, ohne selbst unvernünftig zu handeln. Der Staat muss vielmehr so verfasst sein, dass vernünftiges und ethisches Handeln möglich wird.
So ist es die Vernunft, auf die der Mensch hoffen muss, um das Telos der Freiheit zu verwirklichen. Inwieweit der Mensch bereits in vernünftigen Verhältnissen lebt, lässt sich wiederum an der konkreten Ausgestaltung des Staates prüfen. Zugegeben: Das ist schon Hegel, nicht mehr Spinoza. Hegel interessierte sich dafür, inwiefern der Mensch sein Telos – die Freiheit aller Menschen – in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklichen kann. Kriterium dieser Prüfung war kein preußisches Ideal oder Wunschbild, das ist eher ein ideologisches Kriterium, sondern ein philosophisches: die Vernunft. In diesem Sinne ist auch der berühmte Satz aus der Philosophie des Rechts (1820) zu verstehen: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Der Satz gibt das philosophische Kriterium der Untersuchung an, nicht ihren Gegenstand. Gegenstand ist die im Staat wirksame Rationalität und ihre Verzerrung durch moderne Staatskonzeptionen, die hinter ihrem Menschenbild den Menschen vergessen.
Einige Jahrzehnte später wird Marx das aufnehmen und fragen, wie der Einzelne seine Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft noch verwirklichen kann. Angesichts der Industrialisierung und Massenproletarisierung wird er zu dem Ergebnis kommen, dass diese Gesellschaft nicht die Bedingungen für die Freiheit aller bereitstellt. Es ist die neue Produktionsweise nach dem Gesetz der Kapitalakkumulation, die die Menschen in neue Abhängigkeiten und Unfreiheiten führt: die Lohnabhängigen geraten in Abhängigkeit von den Kapitalisten und die Kapitalisten in Abhängigkeit vom Kapital. Am Telos der Freiheit wird Marx aber festhalten und auch an der Vernunftfähigkeit des Menschen, also an seiner Natur.
Schon diese knappe Skizze zeigt: Von einer durch den Liberalismus vollzogenen Trennung von Natur und Telos kann in der Tradition des philosophischen Denkens keine Rede sein — sofern man die relevanten Denker nicht einfach ignoriert oder übergeht. Die Kritik von Deneen würde jedoch wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, wenn er das zugibt. Er würde das Zerrbild eines Liberalismus verlieren, das er unbedingt braucht, um den Postliberalismus gegen den Liberalismus zu setzen und eine postliberale Antwort auf die Krise des Liberalismus zu formulieren. Es handelt sich bei seiner Liberalismuskritik also nicht um echte Kritik, sondern um eine gelehrte Form der Polemik.
Der Liberalismus wird seine Krise überleben, er wird nur nicht derselbe Liberalismus sein
Wenn die These vom Ende des Liberalismus falsch ist, folgt daraus nicht, dass alles beim Alten bleiben kann. Politische Traditionen überleben nicht, indem sie sich konservieren, sondern indem sie sich verändern.
Der Liberalismus steckt zweifellos in einer tiefen Krise. Doch Krisen sind nicht notwendig Endpunkte. Sie sind Momente der Selbstprüfung. Sie zwingen dazu, eigene Voraussetzungen zu hinterfragen, blinde Flecken zu erkennen und ihre eigenen Versprechen ernster zu nehmen, als man es bislang getan hat.
Vielleicht liegt der Fehler dann nicht darin, dass der Liberalismus zu konsequent war, sondern darin, dass er es nicht war. Freiheit wurde häufig auf Wahlfreiheit reduziert, Vernunft auf Verfahrensneutralität, Gleichheit auf formale Rechtsgleichheit. Die moralische und soziale Substanz, die eine liberale Ordnung tragen muss, geriet dabei nicht selten aus dem Blick. Wo Freiheit nicht mehr als gemeinsame Praxis verstanden wird, sondern als bloße Abwesenheit von Bindung, entsteht Leere. Und Leere erzeugt Gegenbewegungen.
Doch genau hier liegt auch eine Möglichkeit zur Erneuerung. Der Liberalismus war nie nur eine Theorie der Begrenzung von Macht. Er war immer auch eine Theorie der Selbstregierung freier und vernünftiger Menschen. Er setzte Vertrauen in die Fähigkeit zur öffentlichen Vernunft voraus. Und wenn dieses Vertrauen heute erschüttert ist, dann besteht die Aufgabe nicht darin, es aufzugeben, sondern es neu zu begründen.
Das bedeutet, den Liberalismus nicht als abgeschlossene Ideologie zu behandeln, sondern als offene Tradition. Eine Tradition, die Kritik aufnehmen kann, ohne sich selbst aufzugeben. Eine Tradition, die die Frage nach Natur, Vernunft und Telos nicht als vormodernes Relikt abtut, sondern neu stellt. Und eine Tradition, die anerkennt, dass Freiheit ohne soziale Voraussetzungen, ohne Bindung, ohne institutionelle Stabilität nicht bestehen kann.
Verstehen Liberale die heutige Krise als Anlass zur Selbstkritik und intellektuellen Erneuerung, so wird der Liberalismus seine Krise überleben, er wird nur nicht derselbe Liberalismus sein. Das muss nicht weiter schlimm sein, wenn man bedenkt, dass es den Liberalismus nicht gibt. Es gibt nur ein Problem, auf das das liberale Denken antworten will: Unter welchen Bedingungen kann der Mensch wirklich frei sein?
Historisch ist diese Frage vom Liberalismus unterschiedlich beantwortet worden. Und heute, in Zeiten großer Not, müssen Liberale wieder neue Antworten auf diese Frage erarbeiten. Sie besitzen hierfür mehr Ressourcen, als ihnen bewusst und ihren postliberalen Feinden lieb ist. Nutzen Liberale diese Ressourcen, besteht Grund zur Hoffnung auf einen besseren Liberalismus.
Otmar Tibes ist Gründer vom Politik & Ökonomie Blog. Als freier Autor publiziert er auch Beiträge im Deutschlandfunk sowie in anderen Medien wie JACOBIN.