Dark Liberalism – eine Provokation
Sven Gerst
22.04.2026
»Der Liberalismus ist tot. Und es waren die Liberalen, die ihn umbrachten.«
Diese Analyse wird früher oder später in Frankfurter Proseminaren genauso gelehrt werden. Vorausgesetzt, es ändert sich nicht bald etwas Grundlegendes in der freiheitlichen Denktradition.
Denn seien wir ehrlich: Hätte man einen dieser Suhrkamp-Soziologen damit beauftragt, eine Anthropologie des Gegenwartsliberalismus zu verfassen, wäre daraus wohl ein Trauerspiel in mehreren Akten geworden. Man hätte die erwartbar argwöhnisch-süffisante Beschreibung der betroffenen Gesichter auf Wahlschlappen-Partys des politisch organisierten Liberalismus gelesen, dazu eine überflüssig minutiöse Analyse der not-so-deepen Durchhalteparolen seiner Entscheidungsträger. Und das wäre noch der spannendste Teil gewesen.
Denn ansonsten bekäme man vor allem ein Protokoll intellektueller Einfallslosigkeit, diskursiver Ratlosigkeit und schockierender allgemeiner Mittelmäßigkeit. Der Autor müsste von den immergleichen Panels auf den immergleichen „Zukunft des Liberalismus“-Konferenzen mit den immergleichen ergrauten Vergangenheitsfiguren und deren immergleichen Worthülsen über Fake News, empathischere Kommunikation und Female Empowerment berichten. Gähn! Und er müsste diesem Treiben letztlich auch noch irgendeine tiefere Bedeutung jenseits ritualisierter Selbstbeschäftigung zuschreiben.
Ich beneide ihn nicht darum. Ich kenne all das aus eigener Erfahrung. Ich habe das selbst allzu lange über mich ergehen lassen. Am Ende würde das Buch als Studienobjekt der Ideengeschichte dienen. Und nicht – wie im Falle all der Publikationen zur Neuen Rechten – als Warnung vor einer aufstrebenden, vor-Leben-nur-so-sprühenden Weltanschauung.
Darauf habe ich keinen Bock.
Ich will, dass die Suhrkamp-Soziologen endlich wieder mit großem Unbehagen™ über den Liberalismus schreiben. Sie sollen mahnen, etwas schäumen und ihn gerne auch mal wieder Slobodian-esque missverstehen. Denn das zeigt, dass man ernst genommen wird.
Mittlerweile ist es ja doch so, dass es unsere ehemaligen Kritiker sind, die zu Kolloquien der Liberalismustheorie einladen. Der neoliberale Feind wurde erlegt und scheint nunmehr ungefährlich, mögen die sich denken. Da kann man dann auch mal wieder mitleidig Hayek und Co. etwas „abgewinnen“. Oh, f*ck off!
Aber zurück zu dem Buch, von dem ich mir wünsche, dass es über den Liberalismus geschrieben wird: Da muss groß und deutlich „Dark Liberalism“ auf dem Cover stehen. Und die Kapitel müssen heißen:
Zäsur & Bruch
Macht & Meta(-politik)
Freund & Feind
Tragik & Unvernunft
Mythos & Ästhetik
Und im Literaturverzeichnis tauchen plötzlich andere Namen auf: Niccolò Machiavelli, Friedrich Nietzsche, Carl Schmitt, Antonio Gramsci, John Gray und Leo Strauss statt John Rawls, Immanuel Kant, Jürgen Habermas oder Steven Pinker. Oh, und natürlich ganz ungeniert auch Ayn Rand oder Murray Rothbard. Das klingt in der Tat düster und „dark“.
Dem Verleger schickt unser Soziologe eine knappe Kapitelübersicht. Die könnte so aussehen:
Kapitel 1: Zäsur & Bruch
Seit seiner Sturm-und-Drang-Phase, der Aufklärung, hat sich der Liberalismus schrittweise normativ und weltanschaulich entkernt. Politisch kulminierte dieser Prozess in der neoliberal-technokratischen Wende der 1990er Jahre, intellektuell in der zunehmenden Rawlsianisierung der politischen Philosophie. Dark Liberalism bricht explizit mit dieser Entwicklung. Denn die Verantwortung für die Missstände wird „intern“ gesucht. Es kommt zu einer Zäsur im Denken und zu einem Bruch innerhalb der Bewegung. Heilige Kühe wie der optimistische Fortschrittsglaube und das Primat der Vernunft werden geschlachtet, Säulenheilige, allen voran Rawls, aus dem Kanon verdrängt und verbotene Denker von Carl Schmitt bis Antonio Gramsci auf sehr eigene Weise neu und kreativ eingeführt. Vor allem aber wird die radikale Seite der eigenen Denktradition wieder freigelegt. Jedoch zeigt sich, dass viele wie Milei gewinnen wollen, aber nicht so Sein (sic!) wollen wie Milei. In der Theoriezeitschrift ævum distanzieren sich nahezu alle Beiträge von der dunklen Verlockung. Bis auf eine Provokationsschrift.
Kapitel 2: Macht & Meta(-politik)
Trotz des substanziellen Anteils, den das Projekt Dark Liberalism auf Theoriebildung verwendet, darf es nicht als rein intellektuelles Revitalisierungsprojekt missverstanden werden. Das Ziel von Dark Liberalism ist Macht—allen voran im politischen und vorpolitischen Raum. Man „befreit“ sich von der vermeintlichen „liberalen Lebenslüge“, wonach sich das bessere Argument allein durch seine Richtigkeit durchsetzt. Die Währung des Politischen ist weder Gut/Böse noch Richtig/Falsch, sondern Erfolg oder Scheitern. Entscheidend ist also, ob sich Räume der Freiheit erringen und danach verteidigen lassen. Genau das ist der Anspruch von Dark Liberalism.
Das erfordert neben der Besetzung von Machtzentren durch liberale Kaderpolitik auch eine tiefgehende und radikale Repolitisierung zuvor befriedeter Sphären. Damit bricht man dann erneut(!) explizit mit dem Erbe des Rawlschen politischen Liberalismus und verabschiedet sich endgültig von der Unterscheidung zwischen öffentlich und nicht-öffentlich, die in den Kulturkämpfen der postmodernen Gegenwart eh kaum noch zu halten war. Stattdessen setzt man auf die Mobilisierung eines „heroischen Individuums“, welches vorsätzlich und provokant durch die Moralisierung des eigenen Lebensstils, Konsumverhaltens sowie des Sprachgebrauchs politische Wirkung entfaltet. Auf Institutionen allein kann (und will) man sich nicht mehr verlassen.
Und damit zeigt sich dann auch, dass Dark Liberalism ganz ein Produkt seiner Zeit ist. Er reagiert auf die Erfahrungen der letzten Jahre, in denen der Liberalismus von illiberalen Populisten, postliberalen Intellektuellen oder einem postmarxistischen Universitätskonsens in politischen, kulturellen und öffentlichen Räumen nahezu kampflos zurückgedrängt und teilweise rückabgewickelt wurde. Diese Nachjustierung verschiebt das liberale Verhältnis zur Macht. Der klassische Machtskeptizismus weicht einem bewussten Machtanspruch. Das „heroische Individuum“ tritt nicht mehr nur als Träger von Rechten auf. Es stilisiert sich selbst zu einer tragenden Säule im Kulturkampf. Ein solcher Liberalismus spielt bewusst mit dem Feuer…und Ayn Rand.
Kapitel 3: Freund & Feind
Der wohl radikalste Bruch des Dark Liberalism mit der eigenen Denktradition vollzieht sich in der Ontologie des Politischen. Man verabschiedet sich von einem rein funktionalen Verständnis von Gesellschaft als System der Kooperation mit gegenseitiger Vorteilsnahme im Sinne Rawls’. Stattdessen wird die zwangsläufige Konflikthaftigkeit des Politischen betont. Im Unterschied zum klassischen Liberalismus wird dieser Antagonismus zwischen Freund und Feind jedoch nicht länger verteufelt, sondern bewusst angenommen.
Denn erst die Konfrontation mit dem Illiberalen eröffnet dem Liberalismus (so zumindest die Lesart) wieder einen identitätsstiftenden Moment. Sie zwingt ihn, die angestaubte, poröse Gestaltlosigkeit der eigenen Hegemonialperiode abstreifen und ein zeitgemäßes Gewand mit ausreichender Kontur und Trennschärfe anzunehmen. Zu sehr hatte sich der Liberalismus als Sammelbewegung konzeptionell verflüchtigt und dabei seine philosophische Avantgarde eingebüßt. Eine klare Feindverortung wird so zur Voraussetzung politischer Selbstvergewisserung.
Gleichzeitig wäre es ein Missverständnis, Dark Liberalism als naive Adaption Carl Schmitts zu lesen. Erstens ist diese Zuspitzung keineswegs ein bloßer Import von außen: Murray Rothbard, seines Zeichens wohl der erste Dark Liberal, hatte bereits einen “Libertarismus des Klassenkampfs“ ausformuliert. Auf der einen Seite Gesellschaft und “Gestalter” (sprich: die produktiven Steuerzahler), auf der anderen Seite—you guessed right—der Staat und die “Parasiten” (also: Politiker, Beamte, Subventionsempfänger, usw.). Zweitens ist Dark Liberalism spielerisch provokant; jedoch nicht blindlings-in-den-Abgrund-springend. Während Schmitt auf die reale Möglichkeit physischer Vernichtung zielt, operiert Dark Liberalism entlang der Konfliktlinien einer hyperpolitischen Postmoderne. Alles ist also irgendwie simultativ-performativ und nicht existenziell-materiell. Es herrscht Spektakel statt Blutlust. In dieser Wirklichkeit einer immer weiter vordringenden Medienöffentlichkeit geht es in den symbolischen Schlagabtauschen um Aufmerksamkeit und Deutungshoheit, nicht um physische Auslöschung.
Dark Liberalism wird so zu einem existentialistisch geprägten Identitätsprojekt, das den eingeschlafenen Freiheitskämpfer durch den Widerstand gegen seine Feinde wieder als politisches Subjekt wiederbelebt. Es entsteht ein Liberalismus, der sich primär durch die Konfrontation mit Staat, Sh*tbürgern, Postliberalismus und Co. konstituiert.
Kapitel 4: Tragik & Unvernunft
Wenn der klassische Liberalismus das Kind der Aufklärung und der Moderne ist, so ist der Dark Liberalismus das uneheliche Kind der Postmoderne, des Populismus und der Identitätspolitik. Man bricht mit der Annahme, der Mensch sei ein vernunftbegabter Akteur, der durch Bildung und Wohlstand zum friedfertigen Weltbürger reife. Stattdessen wird dieser Wunschglaube durch eine Anthropologie des Zynismus ersetzt: Der Mensch erscheint als tragische Figur, die zwar deklarativ auf Vernunft setzt, dessen Dasein jedoch durch zutiefst affektive, triebgesteuerte Wesensbestandteile bestimmt bleibt. Im Gegensatz zum aufklärerischen Liberalismus badet der Dark Liberalismus förmlich in diesem Menschenbild der Düsternis.
Man spielt mit dem krummen Holz der Humanität, statt es gerade biegen zu wollen. Menschliche Triebe wie Statusgier, Tribalismus und die Lust an der Konfrontation werden nicht länger moralisch verdammt, sondern politisch instrumentalisiert. Besonders provokant ist dabei die Rehabilitierung des Affekts. Während liberale Denker traditionell mit Argwohn auf Emotionen blickten, greift der Dark Liberalism gezielt zu Zorn, Trotz und Wut. Man hat keine Geduld mehr für den graduellen, organischen Wandel einer selbstgelähmten, vollends sozialdemokratisierten Gesellschaft. In diesem revolutionären Geist empfindet man eine fast schon künstlerische Lust an der Zerstörung verkrusteter Strukturen.
Dazu gehört auch die radikale Abkehr vom naiven Technologieoptimismus und jener überschwänglichen Zukunftsoffenheit des Vorgängerliberalismus, die Fortschritt mit Schicksal verwechselt. Der „happy-clappy, alles-wird-eventually-gut“-Liberalismus wird zur Mahnung vor einer illiberalen Apokalypse umstilisiert. Und alles zur Schicksalsfrage.
In der Theoriebildung vollzieht man zudem den Bruch mit der Übertheorisierung. In der Kehre zur politischen Psychologie erkennt man an, dass realpolitische Ordnung nicht auf den mühsamen rationalen Konstrukten eines Luhmanns, eines Habermas oder eines Rawls fußen kann. Diese verfangen sich in Scheindebatten und Theoriekonstrukten. Dark Liberalism setzt stattdessen auf eine Epistemologie des Common Sense: Er vertraut den schnellen, intuitiven Heuristiken des kleinen Mannes.™ Anstatt die Gesellschaft durch hyper-intellektuelle Diskurse steuern zu wollen, besinnt man sich auf jene vor-rationalen Urteile, die instinktiv erkennen, was Freiheit ist und bedeutet. Statt einer universalen Liberalismustheorie präsentiert man einen universalen Zugang zum Liberalismus.
Kapitel 5: Mythos & Ästhetik
Über die inhaltlichen Brüche hinweg forciert der Dark Liberalism die Transformation des Liberalismus von einer ökonomisierten und technokratischen Verwaltungslehre zu einer eigenständigen Ästhetik und Lebensform. Er will nicht mehr nur überzeugen; er will Staats- und Seelenkunst zugleich betreiben. Dafür setzt man auf drei Komponenten: (1) Die Re-Mythologisierung der Freiheit; (2) eine Ästhetik der Rebellion und Gegenkultur; und (3) die Verzauberung der Massen.
In diesem Sinne muss der Dark Liberalismus als weiterer Versuch gewertet werden, das transzendentale Bedürfnis des Menschen in der säkularen Moderne zu befriedigen. Anstelle von Pragmatik und Regelwerk sucht man den sakralen Pathos. Dabei streitet man intern (ohne zu großen Rückschlüssen zu kommen), inwieweit die „dunklen Künste“ der edlen Lüge, straussianischen Esoterik, Eliten und Helden für eine neue Architektur und Aufladung der Idee taugen. Man will zumindest nicht einfach „nur“ ein neues Narrativ.
Zu mehr Konsens kommt es dann beim Herausbilden einer distinkten Ästhetik. Auf jeden Fall will man sich als intellektuelle, provokante Avantgarde inszenieren, die die Debatten und Diskurse liberaler Gesellschaften (und damit quasi sich selbst) verschieben will. In diesem Sinne ist es mal wieder ein Aufbegehren gegen die eigene Geschichte. Und gerade deshalb mag es nicht verwunderlich sein, dass das Erscheinungsbild oft pubertär-trotzig wirkt. Man nimmt es ja schließlich mit den eigenen Erzeugern auf. Auch diese Nähe zur Jugendkultur passt. Genau mit deren Ästhetik der Rebellion und Revolution will man Räume von den Rändern zurückerobern und die technokratisch-bräsige der eigenen Elterngeneration durch die Authentizität eines familieninternen Aufbegehrens von sich abstoßen. Dazu benötigt es notwendigerweise eine ordentliche Prise Vulgarität. Nonkonformismus wird schließlich weder über staatsmännisch-adaptierten Corporate Slang noch über die pseudo-konziliante Bedächtigkeit eines reflective equilibrium zum Ausdruck gebracht. ¡Afuera!
Letztlich kehrt man zu einer vermeintlich alten Debatte zurück: Soll ein neuer Liberalismus perfektionistisch oder nicht-perfektionistisch sein? Kommt uns bekannt vor. Doch auch hier bricht der Dark Liberalism charakteristisch mit der eigenen Ideengeschichte. Die Frage nach der metaphysischen Verankerung wird nicht zu einem Diskurs über Wahrheit. Vielmehr hat man instrumentelle Motive: Die Metaphysik dient hier als Werkzeug, um den Liberalismus durch ästhetische Überwältigung wieder tief in der Mehrheitsgesellschaft zu verankern. Man bietet keine Theorie an, die verstanden werden will, sondern eine Form, die bewundert und übernommen werden muss.
Soweit die Kapitelübersicht. Das klingt doch nach einem (zugegebenermaßen wilden) Projekt und nicht nach pseudo-analytischem Abgesang in philosophischer Denkbewegung, oder?
Natürlich bedürfen all diese Ansätze und Gedankenfetzen weiterer Ausarbeitung. Aber dafür gibt es ja dann das eigentliche Büchlein. Und idealerweise wird das erst gar nicht aus der Perspektive der Fremdzuschreibung durch einen Suhrkamp-Soziologen geschrieben. Vielleicht wird es von einem Dark Liberal selbst verfasst, ganz und gar als Manifest. Das wäre doch etwas. Meine Kontaktdaten ließen sich für diesen Zweck sicherlich herausfinden.
Sven Gerst ist Mitgründer von ævum. Er hat einen interdisziplinären Hintergrund in Philosophie, Politischer Ökonomie und Wirtschaftswissenschaften und hat am King’s College London, der London School of Economics sowie der Universität Mannheim studiert. Sven schreibt einen wöchentlichen Newsletter und ist einer der Hosts von Open Axis.