splittær
Musk: Der Mann als Metapher
27.02.2026
Marius Drozdzewski
In der Reihe splittær erscheinen freitags ab und an kurze Texte, Rezensionen oder Gedanken, diedas Programm der jeweiligen Ausgabe von ævum ergänzen. Diese Woche: Buchbesprechung zu Quinn Slobodian & Ben Tarnoff (2026): Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking, Suhrkamp.
Elon Musk ist schwer zu ignorieren und noch schwerer zu verstehen. Quinn Slobodian und Ben Tarnoff unternehmen daher in „Muskismus” gar nicht erst den Versuch, ihn verstehen zu wollen, zumindest nicht als Person. Musk, so die These, ist weniger Person und mehr Symptom. Sie lesen ihn also als Verkörperung einer Ideologie, die ihre ganz eigene Logik hat und die weit über einen einzelnen südafrikanischen-amerikanischen Milliardär mit Weltraumambitionen hinausweist. Schade nur, dass das Buch der eigenen These nicht ganz traut.
Dabei fängt es stark an. Die Demontage des Pappkameraden „Musk-als-Libertärer“, das in der Öffentlichkeit hartnäckig kursiert, gelingt den Autoren leicht: SpaceX hob nur mit Staatsverträgen ab, Tesla fuhr jahrelang mit Subventionen, und das gesamte Musk-Imperium basiert strategisch auf der Einbettung in die amerikanische Staatswirtschaft. Der vermeintliche Rebell Musk ist, auf den zweiten Blick, ein überzeugter Nutznießer genau jener Strukturen, die er angeblich abschaffen will. Das ist nicht neu, aber gerade in öffentlichen Diskursen, wo Musk als knallharter Libertäre gilt, noch nicht angekommen. Auch werden Musks Beweggründe für verschiedene Unternehmungen aufgefächert: Techno-Optimismus, aber auch Gewinnstreben und Herrschsucht; die Bekämpfung des Klimawandels genauso wie die Utopie der völligen Souveränität.
Interessant ist auch der konzeptionelle Kern des Buchs, der Muskismus als Ideologie der Souveränität durch Technologie versteht: vertikale Integration, kurze Lieferketten, Autarkie in Fragen von Energie und Infrastruktur. Als Versprechen hat die technologische Selbstversorgung als Weg zu politischer Unabhängigkeit große Verkaufskraft. In einer Welt, die gerade ihre Lieferketten neu zeichnet und ihre Abhängigkeiten neu bewertet, klingt das fast nach einem ernstzunehmenden politischen Programm. Umso ärgerlicher, dass das Buch diesen Faden immer wieder fallen lässt, um in die pseudo-psychologische Interpretation von Musks Biographie zurückzukehren.
So wird etwa Musks Begeisterung für Technologie schnell pathologisiert. Die Begeisterung für die Schöpfung um der Schöpfung willen scheint für die Autoren keine Berechtigung zu haben. Dass jemand Raketen baut, weil Raketen ihn faszinieren, weil das Erschaffen von etwas noch nie Dagewesenen einen eigenen intrinsischen Wert hat – diese Möglichkeit wird gar nicht ernsthaft erwogen.
Auch ansonsten ist der Anspruch des Buches an das eigene Projekt vielleicht ein wenig zu groß: Einerseits soll Muskismus unabhängig von Musk sein, eine Ideologie mit eigener Reichweite und Logik. Die behauptete Unabhängigkeit des Muskismus von der Person Musk erlaubt den Autoren Schlussfolgerungen, für die die biographischen Details eigentlich keine hinreichende Grundlage bilden.
Andererseits klebt die Analyse beharrlich an Musks Biographie und die politischen Überzeugungen von Musks Großvater. Auch Elons Kindheit im Apartheid-Südafrika spielt eine Rolle. Selten werden diese Passagen aber durch Äußerungen von Elon selbst begründet. Das ist ein Problem, denn man kann nicht gleichzeitig behaupten, Muskismus sei größer als Musk, und dann eine Menge der Erklärungen in Musks Kindheit verankern.
„Muskismus” ist kein schlechtes Buch. Es stellt interessante Fragen, es liefert teils hilfreiche Antworten und Anekdoten, die sich zu erzählen lohnen. Doch zwischen dem analytischen Anspruch und der biographischen Ausführung klafft eine Lücke, die durch psychologische Spekulation nur notdürftig überbrückt werden kann.
Marius Drozdzewski ist Mitgründer von ævum und Head of Strategy & Communication bei Prometheus, einem liberalen Think Tank in Berlin.
Er hat Philosophie und Mathematik studiert und bereitet gerade seine Promotion zur Liberalismuskritik gegenwärtiger Anti-Liberaler vor.