die Eroberung der geister
Den Marxismus macht nicht die Idee aus, dass die materiellen Produktivkräfte eine Rolle in der Entwicklung unserer Gesellschaften spielen. Charakteristisch für ihn ist vielmehr die Überzeugung, dass allein die Produktivkräfte entscheidend sind. Vor diesem Hintergrund ist es zumindest überraschend, dass Antonio Gramsci als Marxist gilt. Denn der italienische Denker brach genau mit dieser Überzeugung! Er war der Ansicht, dass man zuerst die Geister gewinnen müsse, wenn man die Gesellschaft verändern wolle. Also mitnichten alles die Produktivkräfte. Die mögen eine Rolle spielen, aber primär müsse der Fokus darauf liegen, die „kulturelle Hegemonie“ zu gewinnen, also die Geister der Bürger zu erobern. Erst dann könne man die Welt beackern.
Max Molden
12.11.2025
Als Gramsci von rechts hat sich Alain de Benoist, der Vordenker der Neuen Rechten, in seinem Buch Kulturrevolution von rechts (1985) positioniert. De Benoists Werk ist eine Essaysammlung, die als solche an den dieser Textsorte eigenen Krankheiten laboriert: manches wiederholt sich, manches bedürfte mehr Raum; manches ist interessant, manches ist, bestenfalls, Nebenrauschen. Die für kritische Leser spannendsten Ausführungen de Benoists betreffen aber jene von Gramsci inspirierten Thesen zum Vorrang des Geistigen vor dem Materiellen in der Entwicklung von Gesellschaften. Nicht so tiefgreifend, wenn auch von gewissem Interesse, ist, als zweiter Pfeiler, seine Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung, sprich seine soziologisch-historische Arbeit. Der Tiefpunkt, drittens, ist dann de Benoists Darlegung seiner eigenen Vorstellungen, die im Endeffekt nichts als die kruden kollektivistischen und tyrannischen Anwandlungen eines Menschen sind, der den „Hauptfeind“ im „bürgerliche[n] Liberalismus“ (186) sieht.
Fangen wir mit dem dritten Aspekt an. Es ist durchaus überzeugend, wenn de Benoist seine Ungeduld mit dem Begriff „rechts“ erklärt. Ihm sei es „völlig gleichgültig, ob [er] persönlich rechts [ist] oder nicht“ (47). Und ja: angesichts der Unklarheit, die die Begriffe links und rechts mit sich bringen, ist es einzig und allein sinnvoll, die eigene Position inhaltlich zu bestimmen. Und das versucht de Benoist auch, indem er betont, Kern seiner Position sei es, „die Vielgestaltigkeit der Welt“ (30), die notwendig in Ungleichheiten münde, als etwas Gutes zu sehen. Was genau damit gemeint ist, bleibt jedoch ungewiss und bekommt höchstens dadurch Kontur, dass er sich damit in Opposition zum Egalitarismus sieht.
Klarer wird de Benoists Position, wenn man sich die Stellung des Individuums in seinem Weltbild anschaut. Denn für ihn geht es um die Gemeinschaft und höchstens davon abgeleitet um den Einzelnen. Neumodisch gesprochen gilt: Gemeinschaft first, „Einzelmensch“ (187) second. So wird auch verständlich, weshalb er das Ziel vorgibt, „sowohl die Rechte als auch die Linke in sich zu vereinigen“ (55). Eine derartige Vereinigung leuchtet nur ein, wenn es vorrangig um die Gemeinschaft geht, die durch den Liberalismus bedroht ist (190). Denn wenn der „fundamentale Wert“ „Völker und Kulturen“ (187) ist, dann muss das Ziel sein, die Elemente jedes Volkes (links und rechts) in Harmonie zu bringen, damit sie prosperieren können, während die Vielgestaltigkeit der Völker bewahrt wird, mit ihren jeweiligen Unterschieden.
Mit dem Fokus auf die Gemeinschaft sowie der Idee der Überwindung eines Schismas kann de Benoist als ein Echo des Hitler’schen Gedankens gelesen werden, eine Synthese von links und rechts, von Nationalismus und Sozialismus, zu erreichen, um eine starke Volksgemeinschaft zu begründen. Zu bestimmen, was diese Gemeinschaft ist, wer Teil und wer nicht Teil ist, und was um ihretwillen getan werden muss, dazu haben sich Hitler, de Benoist und andere Kollektivisten im Zweifel selbst auserkoren. Eben weil das so ist, ist es vergebene Liebesmüh, die gestalterischen Ideen de Benoists weiter zu untersuchen. Mehr als die klassischen kollektivistischen Zwangsvorstellungen finden sich dort nicht.
Interessanter ist da schon der Blick auf den zweiten Pfeiler, die historische und soziologische Analyse. Bei manchem, was de Benoist als Beschreibung unserer Gesellschaft äußert, sollten auch Liberale aufhorchen. In Vorschau auf die kommenden Jahrzehnte notiert er, dass auf der linken Seite „sich jeder sozialistisch, kommunistisch oder marxistisch nennen und dabei ganz fraglos behaupten [könne], daß [seine] Doktrinen nichts mit dem Stalinismus, noch überhaupt mit irgendeiner historisch verwirklichten Form des Sozialismus etwas zu tun hätten“ (33).
Aus liberaler Perspektive – die Linke und Rechte aus der sicheren Entfernung desjenigen betrachtend, der sich vornehm zurückhält, der die Menschen ihr Ding machen lassen will und deswegen weder links noch rechts, sondern schlicht liberal ist – muss die nüchterne Feststellung erlaubt sein: de Benoist hat durchaus Recht, wenn er den beschriebenen Umstand als „erstaunliche[s] Schauspiel“ tituliert. Dass die Erinnerung an unsagbare Gräueltaten gemeinhin als rechtsextrem eingestufter Ideologien den Begriff „rechts“ überschattet, ist verständlich. Unverständlich ist hingegen, dass ähnlich schreckliche Verbrechen im Namen linksextremer Ideologien den Begriff „links“ nicht in vergleichbarer Weise belasten – jedenfalls in den Jahrzehnten nach der Wende.
Was de Benoist zu einem relevanten Denker und die kritische Lektüre der Anthologie lohnend macht, ist die Erklärung, die er für das erstaunliche Schauspiel liefert – womit wir zum dritten Pfeiler gelangen. Warum ist es keine Kuriosität unserer Zeit, dass selbst radikale Linke sich vom Ballast der vergangenen Manifestationen ihrer Ideologie befreien konnten? Das liegt, contra Marx, und pace Gramsci, an der kulturellen Hegemonie, an der „kulturellen Macht“ (73), die die Linke zumindest zeitweise hatte. Es geht also darum, welche Überzeugungen die Menschen haben. Und genau das ist auch entscheidend dafür, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickeln wird. Was muss also tun, wer die Gesellschaft revolutionieren will?
um die politische Mehrheit auf Dauer zu erringen, muß man zunächst die ideologische Mehrheit erringen, denn erst, wenn sie für Werte gewonnen ist, die von ihren eigenen Werten verschieden sind, wird die bestehende Gesellschaft in ihren Grundfesten zu wanken und ihre effektive Macht abzubröckeln beginnen. Dann wird man die Situation auf der politischen Ebene ausnutzen können: Die historische Aktion oder die Volksabstimmung werden eine Entwicklung, die sich in den Mentalitäten bereits vollzogen hat, bestätigen und sie auf der Ebene der Institutionen und des Regierungssystems umsetzen. (75)
Und an anderer Stelle ähnlich und noch pompöser:
Alle großen Revolutionen der Geschichte haben nichts anderes getan, als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte. Man kann keinen Lenin haben, bevor man einen Marx hatte. Dies ist die Revanche der Theoretiker – die nur scheinbar die großen Verlierer der Geschichte sind. Eines der Dramen der Rechten – von der „putschistischen“ Rechten bis zur gemäßigten Rechten – ist ihre Unfähigkeit, die Notwendigkeit zu begreifen, daß auf lange Frist geplant werden muß. (38)
De Benoist postuliert also, dass die Überzeugungen vor den Taten kommen. Das gilt, wie auch Gramsci sagt, natürlich nur, sofern in der Gesellschaft eine „spezifische kulturelle Atmosphäre herrscht“ (73). Aber wenn das der Fall ist, gilt: bevor die Welt gewonnen werden kann, müssen die Geister erobert werden. Bevor eine rechte Partei obsiegt, müssen die rechten Intellektuellen obsiegen. Die Erklärung der Entwicklung der Geschichte als eine, in der die Theoretiker anscheinend schlussendlich doch die Gewinner bzw. die entscheidenden Figuren sind, ist also gleichzeitig eine Handlungsanweisung. Sie sagt uns, was tun muss, wer eine erfolgreiche Revolution zustande bringen will. Gleichzeitig macht sie uns auch verständlich, wie die Nouvelle Droite agiert, welchem Handlungsschema sie folgt: Trotz aller Unterschiede eint die Neue Rechte, dass sie sich in dem betätigt, was de Benoist als entscheidend erachtet und was sie heute „Metapolitik“ nennt (Michael Böhm in seiner Einführung oder auch der Name der Metapolitik Verlags UG, die hinter der Zeitschrift Sezession steht) und was genau der Versuch ist, die Geister zu erobern, wie Böhm seine Einführung auch vielsagend tituliert.
Neben der Erklärung der Welt und ihrer Entwicklung sowie des Verhaltens der Neuen Rechten, ist de Benoists Werk auch ein Fingerzeig für all jene, die (kollektivistische) Phantasien anderer Couleur haben oder sich gar ganz den tyrannischen Gelüsten verweigern und an ihrer Stelle die Einzelne stellen. Denn wenn Gramsci, de Benoist und jene, die ihnen folgen, Recht haben – und vieles spricht dafür –, dann ist die kulturelle Hegemonie in der langen Frist ausschlaggebend für die Entwicklung von Gesellschaften. Der Kampf der Intellektuellen, ihr Wettstreit um die Geister, entscheidet, in welche Richtung wir morgen schreiten. Und in diesem Kampf mitzumischen ist dann die singulär wichtigste Aufgabe von uns Liberalen. Scheitern wir daran, dann wird der Einzelne – egal, ob im Namen der Gemeinschaft oder anderer vermeintlich hehrer Ideen – von anderen Einzelnen unterjocht.
Max Molden hat in Bayreuth Philosophy and Economics studiert und am King's College London einen Master in Political Economy absolviert. Zurzeit promoviert er über Interventionismus an der Universität Hamburg.