Mehr Habermas-Schüler als Hayeks Bastard

15.04.2026

Interview mit Phil Magness

ævum: Was muss man über Quinn Slobodian wissen, um sein neues Buch einordnen zu können?

Phil Magness: Die Kurzfassung: Sein erstes Buch Globalists ging Slobodian noch als verwirrter, aber relativ ehrlicher Forscher an, der sich in ein Material einarbeitete, das er nicht verstand. Stell dir einen dieser WTO-Demonstranten der späten 1990er und frühen 2000er Jahre vor – politisch radikal, ohne wirkliches Verständnis von Wirtschaft oder Handel –, der mitten in den Archiven von Friedrich Hayek oder Milton Friedman landet und gebeten wird zu deuten, was er dort findet. Slobodian stieß auf interessantes Material und erzählte eine Geschichte, die durchaus neue historische Einsichten lieferte, insbesondere zu Mises’ Genfer Jahren und den intellektuellen Zirkeln, die sich dort um ihn bildeten. Doch dann interpretiert er das Ganze als verschwörerischen Hintergrund, der schließlich zur WTO geführt habe. Das ist völlig daneben. Alles musste in seine Theorie des Neoliberalismus hineingepresst werden.

ævum: Worum geht es in seinem neuen Buch Hayek’s Bastards?

Phil Magness: Slobodian beobachtet, völlig zu Recht, dass einige Leute, die sich in den 1990er und 2000er Jahren als Libertäre verstanden, mittlerweile in den Rechtspopulismus abgedriftet sind; sie wurden Trumpisten oder schlossen sich dem an, was wir heute die neue Rechte nennen. Oft sind sie vehement einwanderungsfeindlich, und es gibt rassistische Elemente in dieser Szene. Slobodian gibt vor, davon eine Geschichte zu schreiben, und zieht Verbindungslinien von Mises und Hayek über Hans-Hermann Hoppe zur Pat-Buchanan-Bewegung und zu Einwanderungsgegnern wie Peter Brimelow. Sein Schluss: Weil sich diese Leute in den 1990ern und frühen 2000ern in überlappenden Kreisen bewegten, müssen sie ihre rassistischen Ideen von den Libertären, von den Austrian Economists, von Mises und Hayek bezogen haben. Gräbt man aber etwas tiefer, stimmt das überhaupt nicht. Fast immer haben sie ihre Ideen aus einem anderen Strang der rechten Tradition importiert oder methodisch sogar aus einer sehr linken Tradition, wie im Fall von Hans-Hermann Hoppe.

Von den Black Panthers in den 1960ern bis zur Antikriegslinken war seine gesamte Karriere eine Suche nach skurrilen politischen Bündnissen, die das politische Mainstream-Spektrum neu sortieren sollten. Keines davon funktionierte.

ævum: Aber was ist mit Rothbard? Ist er nicht doch eine echte Verbindung?

Phil Magness: Rothbard ist hier eine zentrale Figur, und Slobodian bekommt die Geschichte teilweise richtig hin, auch wenn er sie wieder fehlinterpretiert. Rothbard war ein brillanter Schreiber und Popularisierer. Aber er hatte ein lebenslanges Laster: Er war ständig auf der Suche nach einer politischen Koalition, mit der sich libertäre Ideen umsetzen ließen. Von den Black Panthers in den 1960ern bis zur Antikriegslinken war seine gesamte Karriere eine Suche nach skurrilen politischen Bündnissen, die das politische Mainstream-Spektrum neu sortieren sollten. Keines davon funktionierte.

Rothbards Allianz mit Pat Buchanan war also nur der jüngste – und, da er 1995 starb, der letzte – Versuch. Buchanan ist vor allem als Einwanderungsgegner und Zollprotektionist bekannt. Doch noch in den frühen 1980er Jahren attackierte Rothbard Ed Clark, den libertären Präsidentschaftskandidaten, weil dieser bei der freien Einwanderung nicht weit genug ging, und schrieb mehrere Artikel, die genau das einforderten. Ein Jahrzehnt später bildet er eine Koalition mit Pat Buchanan. Das sagt mir: Rothbard suchte Koalitionen aus Opportunität, nicht aus Prinzip.

Slobodian dagegen sieht in dieser letzten Koalition das Eingeständnis dessen, was Rothbard angeblich immer schon glaubte. Was er übersieht, ist ein entscheidender Teil der Transformation der 1980er Jahre. Die Welt der Österreichischen Schule geriet in eine methodologische Selbstauseinandersetzung, die manchmal als hermeneutische Debatte bezeichnet wird. Eine Gruppe um Don Lavoie an der George Mason University begann, Parallelen zwischen Mises’ subjektiver Werttheorie und kontinentaler Philosophie zu untersuchen, einschließlich Frankfurter-Schule-Theoretikern wie Jürgen Habermas. Das brachte Rothbard auf die Palme. Per Zufall taucht in dieser Phase Hans-Hermann Hoppe auf der Bildfläche auf – ein authentischer Habermas-Schüler. Rothbard nimmt Hoppe genau deshalb unter seine Fittiche, weil er den habermasianischen Stammbaum mitbringt. In mehreren Artikeln aus der Mitte der 1980er sagt Rothbard ausdrücklich: Mein Habermasianer ist besser als euer Habermasianer, also ist meine Integration von Kritischer Theorie und Österreichischer Schule die richtige.

Slobodian übergeht das vollständig. Er hat kein Interesse, dem nachzugehen, weil es die Habermasianer, mit denen er sich persönlich identifiziert, in die tatsächliche Genealogie verwickeln würde. Und es würde die behauptete Verbindung zu Mises und Hayek unterminieren.

ævum: Welche Rolle spielt Hans-Hermann Hoppe in all dem?

Phil Magness: Hoppe ist deshalb interessant, weil er an der Frankfurter Schule bei Jürgen Habermas promoviert hat. Seine Argumentationsethik ist eine Anpassung der Habermas’schen Diskursethik auf Eigentumsrechte. In einem anderen frühen Aufsatz nimmt Hoppe Marx’ Geschichtstheorie zum Ausgangspunkt und beansprucht, sie zu korrigieren, indem er subjektiven Wert hinzufügt – dabei aber den marxistischen Rahmen beibehält. In beiden Fällen beginnt er mit einem linken Argument, das er über die Österreichische Schule und andere Wege zu rechten Schlussfolgerungen lenkt.

Rechte Schlussfolgerungen entsprechen eher Hoppes persönlichen politischen Überzeugungen: Er ist sehr einwanderungsfeindlich, beschäftigt sich mit genetischen Unterschieden und Eugenik und zitiert Jean Raspails Camp of the Saints. Seine Theorie ist, ganz ehrlich, ein Sammelsurium. Peter Brimelow liefert die einwanderungsfeindliche Komponente. J. Philippe Rushton ist dieser kanadische Eugeniker der 1990er Jahre, der im Kern argumentiert, dass Vererbung intellektuelle Fähigkeiten determiniere. Darüber legt Hoppe noch monarchistische Reaktionsspinnerei und deutet an, die Monarchien des Mittelalters seien hereditäre Eliten gewesen, die durch vererbbare Eigenschaften in diese Position gelangten. Das verbindet er mit seiner antidemokratischen Theorie, weil er die moderne Demokratie als Pfad zum Etatismus betrachtet. Obwohl er sich als Anarchist bezeichnet, kann man ihn als Befürworter der Monarchie lesen. Hoppe hat all diese Ideen zu einer wundersamen Rationalisierung verrührt, die er als Inbegriff der Österreichischen Schule versteht, die aber auch stark von der Frankfurter Schule und von extrem rechten Eugenikern beeinflusst ist.

Wichtig ist: Möglicherweise rassistische Elemente bei Hoppe haben ihren Ursprung nicht bei Mises oder Hayek. Das sieht man, wenn man sich anschaut, wen Hoppe zitiert. InDemocracy: The God That Failedsagt er im Grunde, Mises habe sich in der Einwanderungsfrage geirrt: Mises habe klassisch-liberale Vorstellungen von der Freizügigkeit der Menschen genutzt, um zu argumentieren, dass es keine Beschränkungen der Einwanderung geben dürfe – Hoppes Position dagegen lautet, dies sei für die moderne Welt nicht geeignet. Hier lehnt Hoppe Mises also ausdrücklich ab. In Slobodians Erzählung ist Mises aber gerade die Quelle dessen, was Hoppe vollständig verwirft.

ævum: Slobodian erwähnt auch Charles Murray. Was ist mit ihm?

Phil Magness: Murray ist eine interessante und komplexe Figur; er ist ein konservativer Intellektueller, kein Ökonom, und nie wirklich Teil des libertären Flügels. Slobodian sieht, dass Murray in der Vergangenheit an Treffen der Mont-Pèlerin-Society teilgenommen hat, und denkt: „Aha, das ist der Schlüssel zu allem”. Dabei deckt die Mont-Pèlerin-Society tatsächlich ein breites politisches Spektrum ab – von eher mainstream-konservativen Positionen über die klassische Österreichische Schule bis hin zu Libertären. Sie will eine breit aufgestellte Koalition organisieren.

Ein weiteres Problem: Eine der ersten Säulen in Hayek’s Bastards ist das, was Slobodian die Savannen-Geschichte nennt. Er behauptet, Hayek tauche tief in die Anthropologie ein und gehe davon aus, Menschen seien kollektive soziale Wesen, die in der prähistorischen Zeit in Stämmen agierten. Das soll der Keim sein, der zu all dem rassistischen Kollektivismus führt. Doch wer das gesamte Werk Friedrich Hayeks durchsucht, stellt fest: Hayek erwähnt die Savanne nirgendwo. Ich bin der Sache weiter nachgegangen und habe seine Quellen geprüft. Was Slobodian da tatsächlich macht – ob aus Schlampigkeit oder absichtlicher Verwechslung –, ist, eine völlig unzusammenhängende Rede aufzugreifen, die Charles Murray vor 20 oder 30 Jahren gehalten hat, eine Rede, die absolut nichts über Hayek oder die Österreichische Schule sagt, und sie rückwirkend auf Hayek zu projizieren.

Murray gehört zwar zur Szene, lässt sich aber auch nicht ohne Weiteres mit Hoppe verbinden. Es gibt vieles, worin ich mit Murray nicht übereinstimme; ich finde, dass er in IQ-Theorie und rassischen Determinismus abdriftet, und da widerspreche ich ihm grundlegend. Aber er ist schlicht ein anderer Teil der Landschaft, der die Österreichische Schule auf keine erkennbare Weise nennenswert beeinflusst hat.

ævum: Warum unterscheidet sich Slobodians Darstellung so sehr von deiner?

Phil Magness: Slobodian und ich haben eine längere Geschichte mit einigen Spannungen. Nachdem Globalists ihn berühmt gemacht hatte, wurde er deutlich aktiver darin, seine politische Linie durchzudrücken. Etwa 2019/2020 wurde das offensichtlich. Er veröffentlichte einen Zeitschriftenaufsatz, der Mises angeblich dabei zitierte, wie er der Rassentheorie und der Eugenik Schützenhilfe leistete – während Mises in den 1920er und 30er Jahren tatsächlich einer der seltenen und scharfen Kritiker von Eugenik und Rassentheorie war, zu einer Zeit, als diese Position links der Mitte noch salonfähig war und eng mit John Maynard Keynes und manchen Progressiven jener Zeit verbunden war.

Slobodian macht aus Mises also einen Proto-Rassentheoretiker statt eines Kritikers. Die Methode dafür: selektives Zitieren. Mises legt etwa im ersten Halbsatz die eugenische Position dar, um sie im zweiten zu widerlegen. Slobodian schneidet die Widerlegung weg und präsentiert das Ganze, als sei es Mises’ eigene Position. Slobodian tat das mit Falschzitaten quer durch mehrere Werke von Mises, in Nationalökonomie wie in Omnipotent Government. Ich erfuhr später, dass der Referee des eingereichten Aufsatzes ihm Quote-Editing vorwarf und eine Rejection empfahl. Später habe ich von über jemanden, der mit dem ganzen Vorgang unzufrieden war, eine Kopie des Gutachtens bekommen. Der Herausgeber aber überstimmte den Gutachter und ließ Slobodian publizieren. Etwa einen Monat später wurde Slobodian zum Mitherausgeber derselben Zeitschrift ernannt.

Ich erwähne das, weil Slobodian das Argument in Hayek’s Bastards fast wörtlich wiederholt. Dieselben Zitatmanipulationen, dieselben Probleme. Er ist von einem verwirrten, aber interessanten Historiker zu jemandem geworden, der zur Durchsetzung einer politischen Agenda wissenschaftliche Fehldarstellung betreibt.

Diese Spinner an den Rändern sind typischerweise ideologische Wandervögel, die sich kurzfristig an eine Bewegung klammern, deren glühendste Anhänger werden, dann umkippen und in eine völlig andere Richtung weiterziehen

ævum: Wenn Slobodian falsch liegt – wie sieht deine Genealogie der Spaltung im klassisch-liberalen und libertären Lager aus?

Phil Magness: Ich würde da dem Historiker Steve Davies folgen, der hervorragend diese politischen Neuausrichtungen herausgearbeitet hat, die wir gerade auf der Linken wie auf der Rechten beobachten. Die libertären Verwerfungen der vergangenen zwei Jahrzehnte interpretiere ich als Teile dieser Geschichte. Ich bin seit über 25 Jahren in der klassisch-liberalen intellektuellen Szene unterwegs. Ich war immer Freihändler und überwiegend für Einwanderung. Und ich habe gesehen, wie sich die Bewegung um mich herum verändert hat und Leute an die Linke wie an die Rechte verloren hat.

Libertäre ziehen, wie jede andere politische Bewegung, auch randständige Leute an. Diese Spinner an den Rändern sind typischerweise ideologische Wandervögel, die sich kurzfristig an eine Bewegung klammern, deren glühendste Anhänger werden, dann umkippen und in eine völlig andere Richtung weiterziehen. Belege dafür sieht man überall. Es gibt X-Accounts mit Frédéric Bastiat oder Ludwig von Mises im Namen, die für Schutzzölle eintreten, weil Trump das so will. Wenn dein Handle Frédéric Bastiat ist und du für Schutzzölle wirbst, ist das ungefähr so wie ein Milton-Friedman-Center für keynesianische Geldpolitik.

Aber es gibt auch eine Kohorte, die in den 2000ern und 2010ern in den Libertarismus hineingerutscht ist und dann woke wurde. Sie ging zu den linken Social-Justice-Warriors über und feiert heute Kamala Harris oder AOC. Slobodian hat die rechte Komponente aufgegriffen, die linke aber vollständig übersehen oder absichtlich weggelassen. Für uns stellt sich aber einfach heraus, dass wir eine viel kleinere Bewegung sind, als wir vor 15 oder 20 Jahren dachten.

Das Interview führte Sven Gerst, editiert von Marius Drozdzewski.

Phillip W. Magness hat den David J. Theroux Chair in Political Economy am Independent Institute in Oakland inne. Zuvor hatte er den F. A. Hayek Chair in Economics and Economic History am American Institute for Economic Research inne.

Als Wirtschaftshistoriker der USA und der weiteren atlantischen Welt hat er zur politischen Ökonomie der Sklaverei, zur Geschichte von Besteuerung und Ungleichheit sowie zur Ideengeschichte des klassischen Liberalismus geschrieben. Er ist Autor unter anderem von The 1619 Project: A Critique und, gemeinsam mit Jason Brennan, Cracks in the Ivory Tower: The Moral Mess of Higher Education.