splittær
Die moralische Autorität von ‘76
09.03.2026
Daniel B. Klein
In der Reihe splittær erscheinen normalerweise freitags ab und an kurze Texte, Rezensionen oder Gedanken, die das Programm der jeweiligen Ausgabe von ævum ergänzen. Diese Woche, ausnahmsweise montags: Heute vor 250 Jahren erschien The Wealth of Nations von Adam Smith, eines der einflussreichsten Werke der politischen Ökonomie. Warum dieser Einfluss?
Einige Jahre zuvor war Smith Professor an der Universität Glasgow geworden. Sein Ruf wuchs beträchtlich nach 1759, als er im Alter von 36 Jahren The Theory of Moral Sentiments veröffentlichte. Es war ein Buch über Tugend; das heißt, ein Buch über unsere Pflichten, moralisch besser zu handeln. Smiths Ansehen gründete sich auf seiner Rolle als Moralist. Ein Moralist ist jemand, der keinen Hehl daraus macht, dass er moralische Orientierung bietet. Smith war nicht nur ein Moralist, er war als solcher hochgeschätzt. Er galt als Moralist, dem zu folgen sich lohnte, er war eine moralische Autorität. Als The Wealth of Nations 1776 erschien, waren seine Lehren daher nicht bloß interessante Argumente über Handel und Finanzwesen, sondern die Wegweisung einer moralischen Autorität. Sie waren einflussreich, weil sie von ihm kamen. Sie trugen sein moralisches Gütesiegel. Viele nahmen sie sich zu Herzen.
Und was war das Ergebnis? Ich behaupte: das dramatische Wirtschaftswachstum der westlichen Welt. Kurz nach dem Erscheinen von The Wealth of Nations schnellten Wirtschaftswachstum und Lebensstandard in der westlichen Welt dramatisch in die Höhe.
In Diagrammen des Pro-Kopf-Vermögens oder BIPs, die viele Jahrhunderte abbilden, sehen wir eine lange Geschichte der Stagnation und dann eine markante Beschleunigung, die etwa zur Zeit von Smiths Tod einsetzt, als hätte sein Werk die Veränderung bewirkt. Die Ökonomin Deirdre McCloskey nennt es The Great Enrichment, die große Bereicherung. Die Form der Kurve wurde als „Hockeyschläger" bezeichnet, wobei die Keule des Hockeyschlägers die vergangenen 250 Jahre bemerkenswerter Bereicherung darstellt.
Was genau lehrte Smith? Aus unserer heutigen Perspektive mag es schwerfallen, die Neuartigkeit dessen, was Smith lehrte, zu würdigen, denn wir sind mit seinen wesentlichen moralischen Lehren über wirtschaftliches Handeln aufgewachsen. Man muss verstehen, dass die menschliche Gesellschaft instinktiv misstrauisch gegenüber dem Einzelnen ist, der auf sein eigenes Einkommen aus ist. Wenn ein Mitglied der Gesellschaft erklärt: „Ich konzentriere mich auf mein eigenes Einkommen, nicht auf das Wohl der Gesellschaft", so weckt das Argwohn. Zudem wird Einkommen manchmal durch Mittel erlangt, die nicht dem Wohl der Gesellschaft dienen. Wir müssen also lernen, verschiedene Wege des Einkommenserwerbs zu unterscheiden. Lassen Sie uns Smiths Lehre in zwei wesentliche moralische Autorisierungen unterteilen.
Erstens lehrte Smith, dass, wenn jemand auf redliche Weise Einkommen anstrebt, seine Tätigkeit höchstwahrscheinlich zum Wohl der Gesellschaft beiträgt. Smith gab damit dem Streben nach redlichem Einkommen seinen moralischen Segen. Er sagte den Menschen gewissermaßen: Wenn du früh aufstehst und hart arbeitest, im Streben nach redlichem Einkommen, billigt Gott es. Die gleiche Vorstellung fand sich mehr und mehr in Predigten von Geistlichen und bei anderen Schriftstellern, doch The Wealth of Nations legte die Idee auf eindrucksvolle, geradezu imposante Weise dar. Smiths Buch von 1776 lehrte, dass du im Streben nach redlichem Einkommen nicht nur nicht schuldig bist, sondern sogar mutmaßlich tugendhaft. Diese moralische Billigung verlieh dem Wirtschaftsleben neue Kraft.
Die Menschen standen nicht nur früh auf und arbeiteten hart in ihrer Berufung. Auch die Innovation wurde belebt, denn ein Weg, redliches Einkommen zu verdienen, besteht darin, neue Güter und Dienstleistungen zu entwickeln, und neue Produktionsmethoden zu erfinden. Weil redliches Einkommen moralisch gebilligt war, fühlten sich die Menschen ermutigt, aus traditionellen beruflichen Bahnen auszubrechen, auf jedwede Weise Innovation voranzutreiben, vorausgesetzt, sie war redlich. Der Freibrief für ehrlichen Erwerb belebte die Innovation, und das ist wesentlich für das Great Enrichment.
Die zweite große Lehre richtete sich an politische Entscheidungsträger: Smith gab den Regierenden die moralische Erlaubnis, eine Politik zu unterstützen, die es den Menschen ermöglicht, redliches Einkommen anzustreben. Er legitimierte eine wohlwollende Haltung gegenüber der Idee, „jedem Menschen zu erlauben, sein eigenes Interesse auf seine eigene Weise zu verfolgen." Das bedeutet, Eigentumsrechte und die Freiheit der Vereinigung und des Vertrags nicht zu beschränken, aber es bedeutet auch, vorhandene Beschränkungen aufzuheben. Smiths Freiheitsgebot gilt nur dem Grundsatz nach, nicht absolut. Smith selbst machte Ausnahmen vom Freiheitsprinzip.
Smiths moralische Legitimierungen haben viel mit dem berühmten Bild der unsichtbaren Hand zu tun. In The Wealth of Nations sagt Smith, dass auf dem Markt eine Person, die sich auf ihre eigenen Interessen konzentriert, von einer unsichtbaren Hand dazu geführt wird, das gesellschaftliche Wohl zu fördern, obwohl dies gar nicht Teil ihrer Absicht war. Smith schreibt über jemanden, der entscheidet, wo er investiert: „Im Allgemeinen beabsichtigt er … weder, das öffentliche Interesse zu fördern, noch weiß er, wie sehr er es fördert.“
Warum nimmt Smith an, dass ein Mensch, indem er sein eigenes Interesse verfolgt, das Interesse der Gesellschaft fördert? Redliches Einkommen bedeutet: kein Betrug, keine Irreführung, keine Einschüchterung, kein Zwang. Das verdiente Geld ist Geld, das Kunden freiwillig bezahlen, weil sie den verkauften Gegenstand – sagen wir, Staubsauger – höher schätzten als das Geld, das sie zahlen. Der Tausch ist für beide Seiten vorteilhaft, es entsteht gegenseitiger Nutzen durch Handel.
Um im Staubsaugergeschäft zu konkurrieren, muss man gute Angebote machen, also eine Qualität und einen Preis, die die Leute besser finden als andere Angebote. Wenn ein anderer Verkäufer ein besseres Angebot hat, werden Verbraucher dein Angebot nicht annehmen. Du musst also dem Verbraucher dienen, um bezahlt zu werden. Aber der Verbraucher ist Teil der Gesellschaft. Du dienst der Gesellschaft, um bezahlt zu werden. Aber auch du bist Teil der Gesellschaft. In The Theory of Moral Sentiments legte Smith deine Pflicht dar, das Wohl der gesamten Gesellschaft zu fördern. Du bist ein Teil des Ganzen, und wenn du das Wohl deines eigenen Teils förderst, förderst du das Wohl des Ganzen.
Wenn jeder Teil gut für sich selbst sorgte, wäre für das Ganze gut gesorgt. Du bist moralisch autorisiert, für deinen Teil zu sorgen, weil dort deine Bemühungen am wirksamsten sind. Wirksamkeit bei der Förderung des Gemeinwohls hängt von Fähigkeit ab, diese wiederum von Wissen. In The Theory of Moral Sentiments schrieb Smith: „Jeder Mensch ist zweifellos von Natur aus zuerst und hauptsächlich seiner eigenen Fürsorge anempfohlen; und da er geeigneter ist, für sich selbst zu sorgen als für irgendeine andere Person, ist es angemessen und richtig, dass es so sein sollte.“ Was die Hilfe für den Rest der Gesellschaft betrifft: Vielleicht ist ein guter Weg, Menschen zu helfen, ihnen ein gutes Angebot für einen Staubsauger zu machen. Oder redliche Arbeit in einer Fabrik zu leisten.
Indem du etwa eine Staubsaugerfabrik eröffnest, erhöhst du die Nachfrage nach Arbeit und steigerst die Löhne auf dem Arbeitsmarkt. Ein guter Weg, das Wohl des Ganzen zu fördern, ist, redliches Einkommen anzustreben. Wenn das ganze große System, einschließlich seiner Möglichkeiten, von Gott entworfen und erschaffen wurde, dann werden die Akteure innerhalb dieses Systems tatsächlich, wenn auch nur indirekt, von Seiner unsichtbaren Hand geführt, denn Er schuf auch die Marktsignale, die ihr Handeln leiten: Signale wie Preise, Gewinne und Verluste. Nach dieser Lesart ist die unsichtbare Hand die Hand Gottes.
Aber Marktsignale sind nicht die einzigen Zeichen dieser Welt. Grundlegender sind Zeichen und Signale moralischer Autoritäten. Nach der providentialistischen Sicht sind Gottes Stellvertreter hier auf Erden nach Seinem Bild geschaffen, und wir sind angehalten, zu bestimmten Menschen als moralischen Autoritäten aufzublicken, einschließlich derer von '76. Ihre Lehren leben fort.
Daniel B. Klein ist Professor für Volkswirtschaftslehre und JIN Chair am Mercatus Center der George Mason University, wo er ein Programm zu Adam Smith leitet.
Er ist Autor von The Spirit of Smithian Laws, Central Notions of Smithian Liberalism, Smithian Morals, und Smithian Essays. Klein ist Mitglied von NOUS, Network for Constitutional Economics and Social Philosophy.