Als der Liberalismus das Fischen verlernte
Der Liberalismus war gerade dort erfolgreich, wo er, einem alten Sprichwort folgend, den Menschen das Fischen lehrte. Doch die neuesten Ideen des liberalen Lagers vergessen diese historische Lektion und werfen mit Fisch um sich. Statt Regeln für gemeinsame Entscheidungsfindung anzubieten, ist gerade Dezisionismus en vogue. Dabei verwickelt das Versprechen von Gewissheit den Liberalismus in einen Selbstwiderspruch, der sein Scheitern begünstigen könnte.
Karl Kühne
08.04.2026
Seit der Antike versucht die Philosophie, die moralischen Grundsätze des gelungenen Lebens, des richtigen Handelns und der guten Regierungsführung in der Sache – substanziell – zu begründen. Der Staat ist insofern legitim, als er diese Maßstäbe verwirklicht. Diese Methode der Rechtfertigung war lange Zeit dominant, bis sie mit der Aufklärung an Bedeutung verlor. Im Schatten des Dreißigjährigen Krieges und des Englischen Bürgerkriegs schärfte sich das Bewusstsein für die Kontingenz der eigenen Maßstäbe. Das führte zu einem Umdenken in der politischen Theorie: Die Frage nach dem Richtigen oder Falschen wurde aus pragmatischen Gründen beiseitegelegt und durch die Einsicht ersetzt, dass ein friedliches Zusammenleben lediglich der Einigkeit darüber bedarf, dass jede Person unbehelligt von den Ansichten anderer glauben darf, was sie für richtig hält. Der Anspruch objektiver Richtigkeit wich der Freiheit subjektiver Überzeugungen. Um nicht im Relativismus zu münden, begründete der Liberalismus staatliche Legitimität dem Verfahren nach, ausgehend von sogenannten Vertragstheorien. Neuartig an diesem Prozeduralismus war, dass allgemeinverbindliche und vernünftige Lösungen keiner metaphysischen Begründung bedürfen, sondern aus dem Verfahren selbst hervorgehen können.
Die Suche nach moralischen Wahrheiten wurde zugunsten einer zustimmungsfähigen Verfahrenspraxis aufgegeben. Angesichts eines vernünftigen Pluralismus war es leichter, ein akzeptables Verfahren als einen unumstrittenen Wertmaßstab zu begründen. Die einflussreichsten liberalen Prinzipien orientieren sich bis in die Gegenwart an jener Formel. So präsentieren prozedurale Theorien einen Weg zur Selbsthilfe und appellieren an das Individuum. Den nach Antworten hungernden Menschen lehren sie das Fischen; das ergibt ein inhärent freiheitliches Projekt und machte den Liberalismus historisch attraktiv.
Gerade dort, wo der Liberalismus seine größte Stärke entfaltet – in der Zurückhaltung, keine Antworten vorzugeben –, eröffnet sich jedoch eine neue Verwundbarkeit. In den eigenen Reihen mehren sich Stimmen, die den Prozeduralismus für den gegenwärtigen Attraktivitätsverlust verantwortlich machen. In dieser Opposition verortet Sven Gerst den Dark Liberalism. Gerst charakterisiert Dark Liberalism primär als Stilbruch. Es handele sich um eine konfrontative Spielart des Liberalismus mit Nähe zum Populismus, die theoretische Abstraktion und inhaltliche Offenheit zurückweist: „Das Politische ist nicht mehr lediglich der neutrale Rahmen für den Ausgleich pluraler Interessen, sondern ein Kampf um hegemoniale Vorherrschaft“.
In paradigmatischer Zuspitzung lassen sich diese Tendenzen bei Hans-Hermann Hoppe in Demokratie – Der Gott, der keiner ist beobachten. Hoppes Kritik richtet sich nicht nur gegen einzelne prozedurale Institutionen, sondern gegen das Fundament liberaler Legitimität. Demokratie erscheint ihm nicht als Verfahren zur vernünftigen Regelung moderner Kontingenz, sondern als systematische Fehlordnung. Hoppes autoritäre Elemente – die Zurückweisung des positiven Rechts, die Ablehnung der Demokratie und die Präferenz für personalisierte Herrschaft – sind konsequente Folgen seiner Abkehr vom Prozeduralismus.
Das Naturrecht wird bei Hoppe als moralisch vorrangige Ordnung verstanden, weil es den „Fakten und Gesetze[n] der Natur und der menschlichen Biologie“ entspringe (S. 58). Neben dem Privateigentum umfasse das Naturrecht eine „natürliche Hierarchie“, die sich aus der Autorität „größeren erwirtschafteten Vermögens, höheren Mutes, überlegener Weisheit oder einer Kombination davon“ ergebe (S. 70). Alles vermeintlich Unnatürliche wird auf dieser Basis abgelehnt, darunter die Demokratie und öffentliches Recht. Beide erscheinen Hoppe vor allem aus moralischer Perspektive kritikwürdig, da sie die Autorität des Naturrechts untergraben und moralischen Relativismus fördern würden. Zusammen mit seiner Ablehnung der klassischen Vertragstheorie, die ideengeschichtlich noch als logische Konsequenz des Naturrechts auftrat, zeigt sich hierin die Abkehr vom prozeduralen Denken und die Rückkehr zum Substanzialismus. Damit verabschiedet sich Hoppe von einer liberalen Verfahrensordnung und klammert sich hartnäckig an das Relikt einer liberalen Metaphysik.
Daraus ergibt sich ein selektiver, negativ definierter Freiheitsbegriff, der den Ideen populärer Vertreter des Dark Liberalism ähnelt. Charakteristisch ist der Fokus auf Eigentumsrechte und wirtschaftliche Freiheit eines auf Fortschritt ausgerichteten Privatunternehmertums. Damit verbindet sich die Forderung, den Staat zu überwinden und eine dezentralisierte, anarchische Privatgesellschaft zu etablieren, in der ebendiese Akteure die politische Macht innehaben.
Aus der vermeintlichen natürlichen Hierarchie in Gesellschaft und Familie leitet Hoppe zudem einen gesellschaftspolitischen Konservatismus ab. Dieser sieht in pluralen Lebensweisen einen Angriff auf die Natürlichkeit der Familie und erhebt die durch Geburt vorgegebene soziale Zugehörigkeit wieder zum gesellschaftlichen Strukturprinzip. Diese Abkehr vom Individualismus bleibt frei von gerechtigkeits- wie freiheitstheoretischen Bedenken. Dabei widerspricht kaum ein sozialer Kontext dem liberalen Grundsatz individueller Wahlfreiheit stärker als der durch Geburt vorgegebene. Die Verbindung von wirtschaftlichem Libertarismus und kulturellem Konservatismus bündelt sich ideologisch im Paläolibertarismus.
Seine Vision einer politischen Ordnung begründet Hoppe statt mit ihrer funktionalen Überlegenheit mit ihrer normativen Letztgültigkeit. Jede Beschränkung auf pragmatische Argumente würde den quasireligiösen Geltungsanspruch seiner Ideale unterminieren. Aus diesem Substanzialismus erwächst ein Politikverständnis, das einem vernünftigen Pluralismus entgegensteht: Das Politische ist nicht länger ein Aushandlungsprozess zwischen konfligierenden, aber gleichermaßen legitimen Zielvorstellungen. Stattdessen verkündet Hoppe ein Konzept des guten Lebens und begegnet abweichenden Positionen und demokratischen Rechten mit Geringschätzung.
Die Absolutheit seines Freiheitsbegriffs schlägt in eine autoritäre Restriktion ebenjener Freiheit um, die er zu verteidigen vorgibt. Was als kompromisslose Sicherung individueller Eigenverantwortung startet, kulminiert im Autoritarismus der persönlichen Herrschaft. Während liberale Theorie die Legitimität politischer Ordnungen in jener Freiheit verortet, die aus dem vernünftigen Pluralismus ergebnisoffener Prozeduren hervorgeht, setzt Hoppe einen extraprozeduralen Freiheitsmaßstab an ihre Stelle. Politische Ordnung wird instrumentell darauf verpflichtet, ein feststehendes Ziel zu erreichen: Fortschritt durch wirtschaftliches Wachstum und negative Freiheit. Dissens wird in vorpolitische Sphären gedrängt; die Legitimitätsquelle verschiebt sich folgenreich vom Verfahren zur Person. Denn wer das Ziel kennt, muss nicht deliberieren, sondern es mithilfe der Macht effizienten Managements umsetzen.
Dieser ergebnisorientierte Dezisionismus entwertet Interessenvermittlung, Kompromisse und Pluralismus. Indem sich Legitimität am Ergebnis bemisst, wird der autoritären Logik des schmittianischen Entscheiders, der sich über Recht und Gesetz erhebt, der Weg geebnet. Bei Hoppe manifestiert er sich in der „natürlichen Autorität“ einer heroisch-meritokratischen Elite („nobilitas naturalis“, S. 163). Die Figur verkörpert einen Personenkult, in dem politische Ordnung aus dem Charisma einzelner entsteht. Die Elite ist dem Recht nicht länger unterworfen, sondern dessen Ursprung.
Die Attraktivität charismatischer Herrschaft erweist sich als Charakteristikum eines Dark Liberalism, das sich auch in Curtis Yarvins Forderung nach einem CEO-Monarchen als politischer Führungspersönlichkeit artikuliert. In jener politischen Marktlogik fungiert der Bürger nur noch als Konsument politischer Entscheidungen: Er darf den angebotenen Fisch akzeptieren oder zurückweisen. Das dem Verfahren entzogene Ideal definiert, was der Interessenbefriedigung des Bürgers am besten dient. Diesem kann folgenlos die Kompetenz zur Selbstregierung abgesprochen werden: „Die Masse der Menschen […] besteht immer und überall aus ›Rohlingen‹, ›Dummköpfen‹ und ›Narren‹“ (S. 196f.), die der paternalistischen Führung bedürfen. Dieser Heroismus grenzt „guten“ von „schlechtem“ Individualismus ab. Individualität gilt es, sich zu verdienen.
In letzter Konsequenz begründet Hoppe einen Zwang zur Freiheit, der sich nicht aus dem Volkswillen, sondern aus der Absolutheit seines Freiheitsbegriffs speist. Eine Freiheit, die sich jenseits von Fortschritt und Wachstum verortet, ist darin nicht vorgesehen. Die Erziehung zur „wahren“ Freiheit vollzieht sich über das meritokratische Management der als natürlich verstandenen Hierarchie. In Analogie zur repressiven Toleranz ließe sich von repressiver Freiheit sprechen. Diese Dogmatik verweigert demokratischen Prozeduralismus und privilegiert Autoritarismus sowie Antipluralismus. Die Unfreiheit ist der Theorie eingeschrieben: Der Substanzialismus – selbst in seinen liberal motivierten Varianten – versteht Freiheit als Befolgung vorgegebener moralischer Prinzipien und serviert dem Hungernden daher stets den Fisch.
Die Charakterisierung des Dark Liberalism als bloßer Stilbruch greift folglich zu kurz. Seine Konfrontativität ist keine rhetorische Eigenheit, sondern eine Folge der begründungstheoretischen Verschiebung. Kann Liberalismus vor diesem Hintergrund kämpferisch auftreten, ohne sich selbst zu unterlaufen? Was als Verteidigung der Freiheit beginnt, markiert ihre innere Preisgabe. Sobald der Liberalismus anfängt, substanzielle Freiheit durchzusetzen, verlässt er seinen ursprünglichen Modus und überantwortet das Fischen der Theorie, nicht dem Individuum. Somit bleibt der Liberalismus auf das prozedurale Denken angewiesen: Nur Verfahren, die den vernünftigen Pluralismus anerkennen, können Freiheit theoretisch konsistent begründen. Hoppes Substanzialismus übersieht diesen freiheitlichen Kern des Prozeduralen. Liberale Theorien müssen Freiheit nicht nur begründen können, sondern auch die Begründung selbst freiheitlich gestalten.
Liberales Denken muss der Freiheit zur Freiheit verpflichtet sein. In der Frage der Legitimität des Staates lässt sich dieser Grundsatz prozedural einlösen. Liberales Denken ist deshalb notwendigerweise abstrakt und formal, denn sein ideengeschichtlicher Ursprung ist die Freiheit, individuell über das Gute zu streiten. Darin liegt die Dialektik der Freiheit: Jeder Versuch, sie substanziell und allgemeinverbindlich zu definieren – ihr also einen für alle gültigen Inhalt zuzuschreiben – führt in Richtung Unfreiheit. Zentrum liberalen Denkens ist daher weder ökonomische noch gesellschaftliche Freiheit, weder negative noch positive Freiheit, sondern ein vernünftiger Pluralismus. Freiheit findet ihren höchsten Ausdruck in der Kontingenz.
Karl Kühne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der RWTH Aachen. Er studierte Politikwissenschaft mit Schwerpunkt in Politischer Theorie und Ideengeschichte ebenfalls an der RWTH.
Seine Masterarbeit unter der Betreuung von Prof. Dr. Hans-Jörg Sigwart widmete er der Untersuchung prozeduraler Begründungsmethoden im politischen Denken von John Rawls und Jürgen Habermas.