Auf die Barrikaden gegen die Macht
Florian Hartjen
29.04.2026
Die deutsche Freiheitsbewegung sitzt im Bewerbungsgespräch. Frage: „Was ist Ihre größte Schwäche?“ Antwort: „Nach den letzten Jahrzehnten bin ich vielleicht etwas zu sehr verwöhnt vom Erfolg. Außerdem [versucht vergeblich bescheiden zu lächeln]: Ich gebe es zu, meine Persönlichkeit ist sehr anspruchsvoll und vielschichtig. Das ist nicht für jeden etwas.“
Schaut man sich die blutleeren Reste der deutschen Freiheitsbewegung an, ist das nicht nur ein Meme. Es dominiert die tröstende Erwartung, dass sich die Dinge schon von selbst wieder ordneten, wenn man die gleichen Inhalte nur richtig kommuniziere. Aber der Liberalismus ist keine natürliche Konsequenz der Geschichte. Während die Liberalen von einer Quo-Vadis-Liberalismus?-Konferenz zur nächsten tingeln, spielen die Feinde der offenen Gesellschaft längst in einer anderen Liga. Linke und Rechte entfachen die Herzen der jungen Generation: mit Narrativen, die scheinbar Antworten auf die Probleme unserer Zeit bieten. Mit langem Atem und einem Verständnis für den Wettbewerb der Ideen, das den Liberalen komplett abhandengekommen ist.
Auf der Suche nach einer Erzählung, die den Liberalismus wieder konkurrenzfähig macht, sollten diejenigen, die sich mit diesem Zustand nicht abfinden wollen, einmal Tolkiens Klassiker Der Herr der Ringe zur Hand nehmen. Allerdings nicht, um in der David-gegen-Goliath-Erzählung eines Bündnisses freier Völker gegen das autoritäre Mordor den eigenen Trost zu suchen. Denn das Außenseitertum allein ist keine Erfolgsgarantie. Das entscheidende Motiv des Buches ist keine der großen Schlachten, sondern eine einzige, beinahe unausweichliche Frage: Warum benutzt man den Ring, die stilisierte Macht, nicht einfach selbst, um das Böse zu besiegen?
Eine Versuchung, der sich Liberale stellen müssen. Der Neid auf andere Denkrichtungen, die in ihrem Machtanspruch explizit sind, ist nämlich verständlich. Schließlich ist es die pure Macht, die es Autoritären jeder Couleur ermöglicht, die Massen mit scheinbar einfachen Lösungen zu emotionalisieren. Forderungen nach einem Dark Liberalism spielen allerdings nicht nur mit dem Feuer, wie Sven Gerst resümiert. Sie bringen den Liberalismus auf ein Spielfeld, auf dem er nichts zu gewinnen und alles zu verlieren hat. Ein nach Macht strebender Liberalismus würde enden wie Gollum in DerHerr der Ringe: eine korrumpierte und gespaltene Persönlichkeit, die vergessen hat, wer sie einmal war.
Denn die für den Liberalismus zentrale Erkenntnis der Geschichte lautet: Das Problem ist nicht, wer den Ring trägt, sondern dass es ihn gibt. Freiheit scheitert nicht zuerst an bösen Herrschern, sondern an der Existenz von Macht, die sich in den Händen weniger bündelt. Die frühen Liberalen wussten das. Madison empfahl in den Federalist Papers als Konstruktionsprinzip: „ambition must be made to counteract ambition“ – Freiheit entsteht dort, wo Macht auf Macht trifft. Sein Mitstreiter Jefferson bemerkte: „The natural progress of things is for liberty to yield and government to gain ground.“ Und Acton brachte es auf den Punkt: „Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely.“
Freiheit entsteht nicht dort, wo gut regiert wird, sondern dort, wo Macht verteilt, ausweichbar und nie endgültig ist.
Der Liberalismus muss sich gar nicht selbst verleugnen, um wieder junge Geister und hoffnungsfrohe Herzen zu gewinnen – und dem Autoritarismus wirkungsvoll entgegenzutreten. Ein ganz auf die Vermeidung und Bekämpfung von unausweichlicher Macht ausgerichteter Liberalismus lässt den Kulturkampf Kulturkampf sein. Er ist vorwärtsgerichtet; das bestimmende Ideal einer Welt, in der es Menschen seit Jahrhunderten immer besser geht, und in seiner Opposition zur Macht sexy wie die 68er.
Das bedeutet eine echte Abkehr von der traurigen liberalen Wirklichkeit der letzten Jahrzehnte, in denen sich der Liberalismus ja immer wieder mit Macht arrangierte, solange sie gegen den jeweils größeren Feind eingesetzt wurde. Getreu dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ verlor die Freiheitsbewegung dabei an Richtung:
Der radikale und prinzipienfeste Neoliberalismus Hayeks, Thatchers und Reagans verkümmerte über die Jahre zu einem ideenlosen Pro-Business-Konservativismus. Herablassend gegenüber jedem Hinweis auf die Auswüchse wirtschaftlicher Machtkonzentration verlor der Liberalismus eine ganze Generation – an Klimabewegung und eine wiedererstarkende Linke. Vielleicht am schwersten für die liberale Glaubwürdigkeit wiegt aber das Abdriften erheblicher Teile der Freiheitsbewegung nach rechts und die Hoffnung, dort Verbündete im „Kulturkampf“ gegen den vermeintlich woken Mainstream zu finden.
Wer als Konsequenz den Liberalismus als etwas marktfreundlichere Version von Rot-Grün sieht, hat vielleicht das Herz am rechten Fleck, ist aber ebenso auf dem Holzweg. Das öffentliche permanente Hin- und Herschwenken des Liberalismus und seiner Vertreter in Deutschland, die lächerlichen Infights zwischen „Libertären“ und „Sozialliberalen“ sind Symptome der immer gleichen Krankheit: Anstatt mit Prinzipien zu arbeiten, arbeitet man sich an Feindbildern ab.
In der Konsequenz ist vom Liberalismus außer guten Geschichten nicht mehr viel übrig und er befindet sich somit wieder in der Lage, die Hayek schon einmal 1949 beschrieb: „We must make the building of a free society once more an intellectual adventure, a deed of courage. What we lack is a liberal Utopia, a program which seems neither a mere defense of things as they are nor a diluted kind of socialism, but a truly liberal radicalism which does not spare the susceptibilities of the mighty.”
Ein antiautoritärer Liberalismus, der gänzlich auf die Vermeidung unausweichlicher Macht fokussiert ist, könnte dieses intellektuelle Abenteuer sein. Er könnte sich emanzipieren vom BWL-Justus-Image der deutschen liberalen Bewegung, der vollkommen zu Recht Klientelpolitik, Abgehobenheit und Prinzipienlosigkeit vorgeworfen wird. Und er könnte die Herzen all derjenigen jungen Menschen für sich gewinnen, die die Welt gerechter machen wollen.
Dafür müsste man ein Programm entwickeln, das der Gegenwart ähnlich obszön erscheint wie ihren Zeitgenossen Olympe de Gouges' Forderung nach dem Frauenwahlrecht oder William Wilberforces Kampf gegen die Sklaverei. Anknüpfungspunkte dafür böten sich dort, wo unausweichliche Macht nicht hinterfragt wird.
Eine der am wenigsten hinterfragten Machtkonzentrationen ist das staatliche Bildungsmonopol. Staatliche Schulen sind für fast alle – außer einer ganz kleinen Gruppe, die es sich leisten kann – unausweichlich. Ihre Gestaltung ist bis in den Klassenraum durchpolitisiert und die Ergebnisse grauenerregend, im wahrsten Sinne des Wortes: Hier wird den begeisterungsfähigsten Wesen dieser Welt strukturell die Neugier abtrainiert.
Ähnliches gilt für das Recht. Bruno Leoni argumentierte bereits 1961 in Freedom and the Law, dass Recht entdeckt und nicht gemacht wird – durch die Auflösung konkreter Streitigkeiten, durch Common Law, Gewohnheit und private Schiedsordnung. Ein zentralisiertes Legislativsystem unterliegt denselben epistemischen Grenzen wie eine Zentralplanwirtschaft. Sich überlappende polyzentrische Rechtsordnungen, basierend auf sektorspezifischen Privatgerichten, sind heute jedoch nur den allerwenigsten zugänglich: Die Privatrechtsordnungen im New Yorker „Diamond District“, auf dem globalen Baumwoll-B2B-Markt, oder auf dem Markt für hochwertige Kunst zeigen, wie effizient und effektiv nicht-staatliche Ordnungen sein können.
Noch obszöner wird es bei der Migration: Staatsbürgerschaft bedeutet Geburtsmonopol. Wer im falschen Land geboren wird, ist zwanghaft und dauerhaft von besseren Institutionen, Märkten und Chancen ausgeschlossen. Staatliche Migrationsverbote sind strukturell dasselbe wie ein Kartell, das Markteintritt verhindert. In einem Sektor, in dem „trillion-dollar bills auf dem Sidewalk liegen“, gäbe es genug potenziellen Überschuss, um Migration zu privatisieren und dabei entstehende Externalitäten zu internalisieren.
Und schließlich die Kredit- und Geldmärkte, auf denen eine Bankenlizenz heute die Lizenz zum Gelddrucken bedeutet. In kaum einem privaten Sektor ist das Machtungleichgewicht zwischen Kunde und Anbieter so groß wie im Finanzsektor; undurchsichtige Regulierung macht ihn zum lukrativen Sektor für Vermachtung. Das bedeutet auch: Wenn mal etwas schiefgeht, werden Verluste durch den Staat sozialisiert. Ein technologischer Ausweg existiert: Kryptographie ermöglicht self-custody und damit die effiziente Verwahrung und Übertragung von Vermögen ohne Mittelsmann, ohne Bank, ohne staatliche Genehmigung. Transparente, öffentlich prüfbare Protokolle ersetzen das Vertrauen in intransparente Kartelle.
Die Grundformel dieses Liberalismus ist einfach: Er vertraut dem Individuum und dessen unbändiger Schaffenskraft und misstraut ausnahmslos jeder unausweichlichen Machtkonzentration. Beim Spiel der Autoritären und Etatisten, die sich alle vier bis fünf Jahre gegenseitig entmachten, spielt er nicht mit. Im nächsten Bewerbungsgespräch klingt das dann so: Frage: „Was ist Ihre größte Schwäche?“ Antwort: „Ich will den Job nicht. Ich bin nur hier, um Ihnen zu sagen, dass ihn keiner haben sollte.“
Dr. Florian A. Hartjen ist Direktor bei Prometheus – Heimat der Freiheit, wo er seit 2017 Strategie, Fundraising und den Projekt-Accelerator Hekaton Berlin verantwortet. Er hat Staatswissenschaften in Erfurt (B.A.), Rechtswissenschaften in Aberdeen (LL.M.) und Political Economy am King's College London (M.A.) studiert. Promoviert wurde er am King's College London zur Ordnung des Menschenschmuggels im Mittelmeerraum.