Zwischen Scylla und Charybdis
Es mag ungewöhnlich erscheinen, diesem Essay eine Rechtfertigung vorzuschieben, die nicht einmal diesem Essay als solchen gilt, sondern der Gründung eines Magazins. Der Grund aber, warum ich mich auf dieses Projekt freue, den Zeitpunkt der Gründung für genau richtig halte, hat mit einer signifikanten Leerstelle des Liberalismus zu tun, die (von Freunden wie Gegnern) weitgehend unadressiert scheint.
In den viel zitierten Rundumschlägen von Samuel Moyns und Patrick Deneen gegen den Liberalismus war abseits der inhaltlichen Kritik (von Utopielosigkeit bis inhärenten Verfallserscheinungen) eine einseitige liberale Kanonisierung der zu vernehmende Hauptvorwurf. Was gegenüber den Liberalen des frühen Kalten Krieges vielleicht noch ein legitimer Affront war, ist heute jedenfalls bestenfalls euphemistisch. Ideengeschichte, in der Tat einst eine Stärke der liberalen Intelligenz, hat sich in Ideenlosigkeit verwandelt, wonach Selbstversicherung und Weiterentwicklung gleichermaßen zu einer liberalen Nische verkommen sind, die es zu füllen gilt.
Mit Blick auf den Anti-Kanon – hier haben Deneen und Moyns in der Tat einen Punkt – sieht es partiell besser aus, von Rousseau über Schmitt und Evola bis Huntington, haben liberale stets Feindmarkierung betrieben und die destruktiven Kraft der “Enemies of Human Liberty” (Berlin) für die liberale Gesellschaft herausgearbeitet. Was oft zu fehlen scheint, ist aber eine produktive Auseinandersetzung mit dem liberalen Anti-Kanon. Klar, eine linke Schmitt-Deutung scheint naheliegender als mit Heidegger einen liberalen Holzweg zu besteigen. Aber dass der Liberalismus von den klügsten, kontroversesten oder illiberalsten Köpfen nicht auch etwas lernen könnte, ist wiederum eine in Arroganz triefende Annahme.
Nikolai Ott
28.10.2025
Georges Sorel war ein solcher Kopf. Geboren 1847 in Cherbourg, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, verpflichtete er sich nach seinem Studium dem französischen Staatswesen und verblieb bis zu seinem 45. Lebensjahr ein einfacher Beamter. Fast wie einem Roman von Flaubert gleichend, ermöglichte ihm erst das Erbe seiner Mutter, seinen Beruf zu kündigen und aus der Provinz in die Hauptstadt zu ziehen, um dort fortan als Intellektueller tätig zu werden.
In Paris konvertierte Sorel erst vom Traditionalismus zum orthodoxen Marxismus, und wechselte dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen Dreyfusianismus, Syndicalismus und Royalismus seine Ideologien im Jahrestakt. Zum Ende seines Lebens waren es Mussolini und Lenin, die den Schriftsteller begeisterten. Für den liberalen Anti-Kanon, das wird hier schon deutlich, könnte sich womöglich kaum ein besserer Repräsentant finden.
Es sollte nicht verwundern, dass ausgerechnet Isaiah Berlin in einem seiner weniger beachteten Essays in Georges Sorel den Archetyp der Gegenkultur entdeckte. „Ein halbes Jahrhundert später“, so schrieb Berlin, ist der Geist von Sorel „keineswegs erloschen“ und fügte an, dass „die Welt über und gegen die er anschrieb, womöglich die unsere sei“. Zu diesem Zeitpunkt konnte Isaiah Berlin noch nicht ahnen, dass eben „diese Welt“ fünfzig weitere Jahre später weiterhin aus ebendieser Perspektive kritisiert werden sollte.
Durch was sich „diese Welt“ nun auszeichnet, lässt sich bei Sorel nur ex negativo erahnen. Denn was Aufklärung und Industrialisierung nach Sorel in erster Linie hervorgebracht haben, war ein entstellter Mensch, der von dem Diktat des Rationalismus vom Subjekt zum Objekt seiner selbst degradiert wurde. Ob von der Fabrikarbeit zermürbt oder vom Beamtendasein aufgezehrt,von dem eigentlichen Zweck des Menschen war wenig übrig geblieben. In seiner pursten Form erschien der Mensch Sorel schließlich als ein Schöpfer, als unerschöpflicher Geist, der von seiner kreativen Zerstörung zehrend, sich keiner Macht unterordnen wollte. Beeinflusst von Nietzsche und Marx und dem romantischen Pathos gegen die Aufklärung folgend, reflektierte sich in Sorels Lebensphilosophie eine tiefe Abscheu gegenüber den Wirkmechanismen der modernen Gesellschaft.
Sorel war – wie ein guter Charakter bei Balzac – in die Großstadt gezogen, um all das, was dort passierte, immer noch mehr zu verachten. Insbesondere den Hedonismus der Bourgeoisie, die als kleines Rad der modernen Gesellschaft ihre Freiheit für ein wenig Konsum opferten. Aber auch die modernen Massen, die in die Städte strömten und ihre Individualität in den Schaufenstern verloren. Die Wissenschaften, die den Menschen vortäuschten, dass sich ihr Leben in einem rationalen Käfig abspiele, aus dem sich nicht zu befreien sei. Die Politiker und Intellektuellen, die den Menschen ins Gewissen redeten, dass an die Stelle von tagtäglicher heroischer Selbstbehauptung, ein ausgeglicheneres, skeptischeres und friedlicheres Leben treten sollte. Dekadenz, Individualismus und Materialismus – überall konnte Sorel Zeichen des Verfalls der Gesellschaft erblicken.
Der Gegenwartsbezug dieser Vorwürfe ist schnell hergestellt. Die liberale Zerstörung des schöpferischen Geistes, ist heute das Argument schlechthin, mit dem die „reaktionären Futuristen“ (Ezra Klein) in den USA gegen das politische Establishment in die Schlacht ziehen. Auch in Deutschland formiert sich eine feuilletonistisch-pöbelnde Lebensphilosophie, die das eingeengte Individuum in der Massengesellschaft anprangert. Im Kern aber richtet sie sich gegen die liberale Gesellschaft, gegen die „große Langeweile“ des Endes der Geschichte, gegen die Manifestierung einer technokratischen Politik und den Sisyphos des letzten Menschen.
Dekadente Hauptstadt-Eliten, materialistische Massen – sie alle sind hier nur Begleiterscheinungen einer nicht mehr existenten Lebensbejahung des einfachen (meist männlichen) Menschen. Nicht nur Musk, auch Georges Sorel bezog sich auf das Römische Reich, um in Individualisierung und Bürokratismus den Verfall des einst so heroischen Imperiums zu diagnostizieren. Und so wie J. D. Vance, die Professoren zum Feind erklärte, fragte sich Sorel, ob man sich etwas schlimmeres vorstellen könnte, als eine „Regierung von Professoren“.
Man könnte fast meinen, dass 100 Jahre vor dem Ende der Geschichte der französische Intellektuelle bereits die Gefahr eines solchen Zustandes prognostiziert hat. Isaiah Berlin hatte in seiner Studie darauf hingewiesen, dass sich das Dilemma des schöpferischen Menschen bei Sorel als eines zwischen Scylla und Charybdis charakterisieren ließe. Scylla war der Zustand des Materialismus, der Dekadenz, einer sich ausbreitenden Bürokratie und technokratischer Politik und dem Ende der menschlichen Schaffenskraft. Kurz gesagt, der letzte Mensch aus Fukuyamas Ende der Geschichte. Charybdis wiederum war der Despotismus geschichtsphilosophischer Metaphysik, die blutrünstige Gleichgültigkeit derer, die für die Hoffnung in eine bessere Zukunft die Gegenwart – Koste was wolle – zerstören wollten. Eine schöpferischer Mensch müsste auf Jakobinismus oder ein falschen hegelianischen Einfluss verzichten, wie Sorel mit Blick auf Marx anmerkte – um „die Illusion des Fortschritts“ zu betonen und die alltägliche Selbstbehauptung zu garantieren.
Nicht ohne Grund spricht Michael Freund bei Sorel von einem „Revolutionären Konservatismus“, der sich in seiner fanatischen Unterstützung von Mussolini oder in der Rezeption durch Carl Schmitt zeigte. Einen Ausweg aus dem Dilemma zwischen Skylla und Charydbis hatte Sorel in der Moral erkannt, in der Schaffung eines neuen Menschen, der sich der modernen Gesellschaft widersetzte. So wie Zarathustra predigte er an die Menschen, sich selbst zu erkennen und den Kampf gegen die Fesseln des modernen Alltags aufzunehmen. Die frühen Griechen und Römer, die ihre barbarischen Wurzeln noch nicht ganz abgelegt hatten, faszinierten ihn. Auch die Teile der Arbeiterbewegung, die noch nicht von der modernen Gesellschaft pervertiert waren. Nicht Kompromisse, sondern Konflikte stärkten den Menschen. Nicht im Parlamentarismus, sondern im Kampf konnte der Mensch sich neu erfinden und über sich hinauswachsen.
Es ist ein solcher revolutionär-lebensphilosophischer Konservatismus, der gegenwärtig die größte Gefahr für die liberale Demokratie ist. „Fight, Fight, Fight“ heißt es bei Donald Trump, während bei Elon Musk Ketamin gesteuerte Tweet-Tiraden im Stil von Heideggers Rektoratsrede abgefeuert werden. Wie Sorel erkannt hatte, braucht eine erfolgreiche Gegenkultur starke Gegner. Das Establishment an der Westküste, Verfassungsgerichte, die Europäische Union, jüdische Milliardäre. Der alltägliche Kampf ist das Wesensmerkmal des antiliberalen Kampfes. Isaiah Berlin hatte in den 50er Jahren darauf hingewiesen, dass eine solche Gegenkultur im Ansatz beim postkolonialen Widerstand eines Frantz Fanon oder der kommunistischen Popkultur von Che Guevara zu finden sei.
Der rechte Widerstand wiederum ist heute um ein vielfaches erfolgreicher, weil er die von Sorel verhasste Akademikerschicht hinter sich gelassen hat und größere Bündnisse anstrebt, die als loser Bund einzig durch eine rigide Führerkultur aufrechterhalten werden. Abseits der alten Feindbilder - abgehobene Eliten, fremdartige Flüchtlinge oder nicht legitimierte Richter – bespielt der revolutionäre Konservatismus ein schöpferisches Element, beschwört das Ende des letzten Menschen und ruft insbesondere junge Männer dazu, etwas aus ihrem Leben zu machen. Die Liberale Judith Shklar hatte die Mischung aus Unkenrufen und der Überbetonung einer freiheitlichen Lebensphilosophie einst eine „Romantik der Niederlage“ genannt, wonach die spätromantischen Verlusterscheinungen in einer diffusen Mischung aus Kulturkritik und Aufbruchsstimmungen endeten. Eine Haltung, die sich einfach reaktionär vereinnahmen ließ.
Georges Sorel ist ein Vordenker der anti-rationalistischen Kritik. Sein Kampf gegen eine harmonische Welt, gegen die Politik als „endlose Lösung technischer Probleme“ (Fukuyama) und gegen das Ende des „Kampfes um Anerkennung“ (Hegel), eint heute den postliberalen Backlash. Der Erfolg seiner Argumentation zeigt aber gleichermaßen auf, wie der Liberalismus spätestens seit den 90er Jahren aus der Balance geraten ist.
Denn auch der Liberalismus ist in dem Dilemma zwischen Scylla und Charybdis gefangen. Eine Balance zu finden, zwischen dem freiheitlichen Akt der Selbstschöpfung und der Angst vor der jakobinistischen Bedrohung, zwischen Utopie und Utopielosigkeit, war stets ein schmaler Grad. Zum Schutze der Freiheit wegen, ging der Frühliberalismus das Bündnis mit dem Staat ein. Er erbaute ausgeklügelte Bürokratien, beschützte und expandierte den Parlamentarismus und versuchte das plurale Zusammenleben in der Gesellschaft durch möglichst abstrakte Regeln zu ermöglichen.
Für manche Liberale war der Nationalstaat das Gehäuse, das die Anarchie verhinderte, für andere eine sich abzeichnende Weltregierung. Später und bis heute entzweite sich der Liberalismus an der Frage, wie weit die Kooperation des Liberalismus mit dem Staat gehen sollte.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zumindest schien das liberale Programm im Westen gewonnen zu haben. Auf das Jahrhundert des Liberalismus war das Jahrhundert der Sozialdemokratie gefolgt, dessen Synthese in einem oft paternalistischen, aber doch gesellschaftlich getragenen Wohlfahrtsstaat mündete, der in Zeiten des Wachstums expandieren konnte. Die Institutionen funktionierten und Liberale wurden zu Hütern von ihnen – in der Weltbank, in Verfassungsgerichten oder in der Politik. Die Balance zwischen Lebensphilosophie und institutioneller Verankerung kippte spätestens in den 90ern. Der Liberalismus war keine Lebensphilosophie mehr, er war eine Philosophie der geordneten Gesellschaft.
In Zeiten, in denen das Unwohlsein durch multiple Krisen wächst, können andere Kräfte nun diese Lücke füllen. Dem Unwohlsein gegenüber der empfundenen Einengung der modernen Gesellschaft, der Überbetonung des Expertenwissens und abstrakten Erzählungen von Außenhandelsbilanzen und Dienstleistungssektoren kann der Liberalismus nichts entgegensetzen. Die feuilletonistische Pöbelei vom angeblichen Ende der Freiheit, die Rückkehr von kleinen Barbaren über die Sozialen Medien, das fehlende Vertrauen in Regierungen und Wissenschaftler – die sorelsche Lebensphilosophie lebt. Staatstragend und lebensphilosophisch zugleich zu sein, dieser Herausforderung kann der Liberalismus in diesem Jahrhundert nicht mehr entfliehen. Erst mit richtigen Gegnern, so heißt es bei Sorel, kann eine lebensbejahende Bewegung richtige Stärke erlangen. Auf der Suche nach einer neuen Lebensphilosophie wäre diese Erkenntnis ein guter Anfang.
Nikolai Ott ist Mitgründer von ævum und Mitarbeiter am Zentrum für Internationale Studien und am Lehrstuhl für Völkerrecht, Europarecht und Öffentliches Recht der TU Dresden.